Warum Objektiv mit Festbrennweite?

Festbrennweiten für Video: Der Cinematic Look

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Die Welt der Videografie hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt, und immer mehr Filmemacher streben nach dem sogenannten ‚cinematic look‘. Dieser Look zeichnet sich oft durch eine geringe Schärfentiefe aus, bei der das Hauptmotiv gestochen scharf ist, während der Hintergrund in einem weichen, angenehmen Bokeh verschwimmt. Um diesen Effekt zu erzielen, greifen viele Videografen zu lichtstarken Festbrennweiten. Diese Objektive, auch Prime Lenses genannt, bieten feste Brennweiten und sehr große maximale Blendenöffnungen, die deutlich mehr Licht einfangen können als die meisten Zoomobjektive. Doch ist die Anschaffung eines solchen Objektivs wirklich der einzige Schritt zum filmischen Bild, und welche Brennweite ist die richtige Wahl?

Lichtstarke Festbrennweiten haben für Videofilmer tatsächlich einen fast noch höheren Stellenwert als für Fotografen. Die Möglichkeit, mit offener Blende zu arbeiten, erlaubt nicht nur das Filmen bei wenig Licht, sondern ermöglicht eben auch die starke Freistellung des Motivs. Das berühmte ‚Nifty-Fifty‘, ein 50mm Objektiv mit einer Blendenöffnung von f/1.8, ist ein klassisches Beispiel. Oft zu Preisen zwischen 100 und 200 Euro erhältlich, scheint es eine kostengünstige Möglichkeit zu sein, in die Welt der lichtstarken Objektive einzusteigen, besonders wenn man bereits eine (oft teure) Vollformat-DSLR besitzt. Doch die Wahl der richtigen Brennweite und die Nutzung dieser Objektive birgt einige Tücken, insbesondere im Zusammenspiel mit verschiedenen Kamerasystemen.

Das Zusammenspiel von Brennweite und Sensorgröße: Der Crop-Faktor

Die Sache wird kniffliger für all diejenigen, die nicht mit Vollformatkameras filmen. Ein großer Teil der Videografen nutzt Kameras mit kleineren Sensoren, wie APS-C oder Micro Four Thirds (MFT). Diese Kameras sind oft preiswerter, kleiner und handlicher, was sie ideal für den mobilen Einsatz macht. Allerdings haben sie eine Eigenart, die die Wahl des Objektivs stark beeinflusst: den sogenannten Crop-Faktor.

Warum Objektiv mit Festbrennweite?
Mit einem Festbrennweiten-Objektiv kannst du also nicht hinein- oder herauszoomen. Obwohl du mit einem Festbrennweitenobjektiv nicht zoomen kannst, hat das Objektiv dennoch viele Vorteile. Das Objektiv ist oft hell, schnell und ermöglicht es dir, dich ganz auf die Komposition des Fotos zu konzentrieren.

Der Crop-Faktor beschreibt, um welchen Faktor der kleinere Sensor den Bildausschnitt im Vergleich zu einem Vollformatsensor beschneidet. Bei APS-C-Kameras liegt dieser Faktor in der Regel bei etwa 1,5x bis 1,6x (z.B. bei Canon). Das bedeutet, dass eine 50mm Festbrennweite an einer APS-C-Kamera einen Bildausschnitt liefert, der dem einer 75mm oder 80mm Brennweite an einer Vollformatkamera entspricht. Aus einer klassischen Normalbrennweite wird so schnell ein leichtes Teleobjektiv.

Bei Kameras mit Micro Four Thirds Sensor ist der Crop-Faktor sogar noch größer, typischerweise 2,0x. Eine 50mm Linse verhält sich hier wie ein 100mm Objektiv an Vollformat. Doch die Herausforderung hört hier nicht auf. Auch die gewählte Videoauflösung kann einen zusätzlichen Crop-Faktor mit sich bringen. Viele Kameras wenden beim Filmen in 4K-Auflösung einen weiteren Beschnitt des Sensors an, um die benötigte Pixelanzahl zu erreichen. Bei einer Canon EOS M 50 kann der Crop-Faktor in 4K je nach Einstellung auf bis zu 2,2x ansteigen. Eine 50mm Linse liefert in diesem Fall einen Bildausschnitt, der einem 110mm Objektiv an Vollformat entspricht – definitiv kein Normalobjektiv mehr und in den Einsatzmöglichkeiten stark eingeschränkt.

Die Suche nach der richtigen Brennweite für Crop-Sensoren

Was bedeutet das nun für Videofilmer mit APS-C- oder MFT-Kameras? Um einen Bildausschnitt zu erhalten, der einer Normalbrennweite (etwa 50mm an Vollformat) oder einem leichten Weitwinkel entspricht, muss man auf diesen Kameras deutlich kürzere Brennweiten verwenden. Für die meisten Videoaufnahmen, die nicht stark telelastig sein sollen, sucht man daher nach lichtstarken Festbrennweiten im Bereich zwischen 11mm und 25mm.

Und genau hier liegt oft das Problem: Wirklich preiswerte, lichtstarke Festbrennweiten in diesem Weitwinkelbereich sind dünn gesät. Während das 50mm f/1.8 als ‚Nifty-Fifty‘ bekannt und sehr erschwinglich ist, können vergleichbar lichtstarke Objektive im Bereich von 20mm oder 25mm von großen Markenherstellern schnell deutlich teurer werden. Es gibt zwar Ausnahmen wie das Canon EF-M 22mm F2.0 oder das Panasonic Lumix G 25mm F1.7, die ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten, aber die Auswahl ist insgesamt geringer als im 50mm-Bereich.

Alternativen und manuelle Lösungen

Glücklicherweise gibt es für Videografen interessante Alternativen und Lösungsansätze, insbesondere wenn man bereit ist, auf einige Automatikfunktionen zu verzichten. Eine beliebte Option sind sogenannte Vintage-Objektive. Ältere manuelle Objektive von Spiegelreflexkameras lassen sich oft mit preiswerten Adaptern an moderne spiegellose Kameras adaptieren. Diese Objektive sind oft sehr gut verarbeitet, haben einen eigenen Charakter und sind auf dem Gebrauchtmarkt vergleichsweise günstig zu finden. Der Nachteil ist natürlich, dass Fokus und Blende manuell eingestellt werden müssen.

Eine weitere spannende Möglichkeit, die vor allem im MFT- und APS-C-Bereich zum Einsatz kommt, sind sogenannte Speedbooster (auch Focal Reducer genannt). Das sind spezielle Adapter, die nicht nur das Objektiv an die Kamera anpassen, sondern auch eine optische Komponente enthalten. Diese Optik bündelt das Licht auf den kleineren Sensor. Das hat zwei wesentliche Vorteile: Erstens wird der Bildwinkel des Objektivs erweitert (die effektive Brennweite wird reduziert), und zweitens wird die Lichtstärke erhöht (die maximale Blendenöffnung wird vergrößert, z.B. von f/1.8 auf f/1.2). Auch hier muss man in der Regel auf Autofokus und elektronische Blendensteuerung verzichten, aber für viele Videografen, die ohnehin manuell fokussieren, ist das kein großes Problem.

Zunehmend findet man auch neue, gezielt für spiegellose Systeme entwickelte manuelle Objektive von Herstellern wie 7Artisans, Meike oder Samyang. Diese bieten oft sehr große Blendenöffnungen zu attraktiven Preisen, auch in den benötigten Weitwinkelbereichen für Crop-Sensoren. Ein Beispiel ist das 25mm F1.8 von 7Artisans für die Canon EOS M, das deutlich unter 100 Euro kosten kann und ebenfalls sehr lichtstark ist.

Die Herausforderung der geringen Schärfentiefe: Fokussierung

Bevor man nun blindlings lichtstarke Weitwinkel-Festbrennweiten kauft, sollte man sich der größten praktischen Herausforderung bewusst sein: dem Fokussieren bei weit geöffneter Blende. Der zunächst so verlockende, extrem enge Schärfebereich, der das Motiv so schön freistellt, kann in der Praxis sehr schwierig zu handhaben sein. Schon kleinste Bewegungen des Motivs oder der Kamera können dazu führen, dass die Schärfeebene verrutscht.

Das genaue Setzen und Halten des Fokus ist über das Kameradisplay oder den Sucher oft nur grenzwertig möglich, insbesondere wenn man den exakten Verlauf der Schärfentiefe kontrollieren möchte. Hier sind Fokussierhilfen der Kamera unerlässlich. Die wichtigste ist das sogenannte MF-Peaking (Manual Focus Peaking). Diese Funktion erkennt Kanten mit hohem Kontrast (also scharfe Kanten) im Bild und markiert diese farbig (z.B. rot, grün oder blau). So kann man visuell erkennen, welche Bereiche des Bildes gerade scharf abgebildet sind.

Eine weitere extrem hilfreiche Funktion ist die Lupenfunktion oder Fokuslupe. Dabei wird ein kleiner Ausschnitt des Bildes auf dem Display vergrößert dargestellt, sodass man die Schärfe sehr präzise beurteilen kann. Kameras unterscheiden sich hier stark. Manche Kameras bieten die Lupenfunktion auch im Videomodus an (wie z.B. die Lumix G85), bei anderen (wie der Canon EOS M-Serie) ist diese Funktion im Videomodus deaktiviert, und man muss sich auf das MF-Peaking in der Normalansicht verlassen. Die Lupenfunktion ist oft das präziseste Werkzeug zur manuellen Fokussierung.

Selbst mit diesen Hilfsmitteln verlangt das Fokussieren bei sehr offener Blende viel Fingerspitzengefühl und Übung. Steht die Kamera unbeweglich auf einem Stativ, kann schon eine minimale Bewegung eines Interviewpartners ausreichen, um ihn unscharf werden zu lassen. Dies erfordert entweder einen sehr aufmerksamen Fokuszieher (Focus Puller) oder aber eine Anpassung der Aufnahmetechnik.

Eine Abhilfe, um den Schärfebereich etwas zu vergrößern und das Fokussieren zu erleichtern, ist das Abblenden. Man muss nicht immer mit der maximal geöffneten Blende (z.B. f/1.8) filmen. Schon ein leichtes Abblenden auf f/2.8 oder f/4 vergrößert die Schärfentiefe merklich und macht das Fokussieren einfacher, oft ohne das schöne Bokeh komplett zu verlieren, besonders bei kurzen Motivabständen.

Weitere optische Aspekte: Vignettierung

Eine zweite Eigenart, die bei lichtstarken Objektiven, insbesondere bei Offenblende, häufig auftritt, ist die Vignettierung. Dabei handelt es sich um eine Abschattung in den Ecken des Bildes, die bei großer Blendenöffnung stärker ausgeprägt sein kann. Während Fotografen diese Abschattungen in der Nachbearbeitung (z.B. in Lightroom oder Photoshop) leicht korrigieren können, ist die Korrektur in Videos etwas aufwendiger. Videoschnittprogramme wie Final Cut Pro erfordern oft den Einsatz von Formmasken oder speziellen Effekten, um die Helligkeitsunterschiede auszugleichen.

Je nach Thema und gewünschtem Look ist eine leichte Vignettierung jedoch nicht immer störend. Sie kann in manchen Fällen sogar zur Bildgestaltung beitragen und die Aufmerksamkeit auf das Zentrum des Bildes lenken. In anderen Situationen, zum Beispiel bei dokumentarischen Aufnahmen oder in sehr neutralen Szenen, kann sie aber als unkorrekt und ablenkend empfunden werden.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass lichtstarke Festbrennweiten für Videofilmer, die den ‚cinematic look‘ mit geringer Schärfentiefe und schönem Bokeh anstreben, ein mächtiges Werkzeug sind. Die gestalterischen Möglichkeiten, die sie bieten, überwiegen in vielen kreativen Projekten die Nachteile.

Allerdings erfordert die Arbeit mit diesen Objektiven, insbesondere bei weit geöffneter Blende, ein Umdenken und eine Abkehr vom Komfort zahlreicher Automatikfunktionen, die man vielleicht von der Fotografie gewohnt ist. Manuelles Fokussieren, das Beherrschen von Fokussierhilfen wie MF-Peaking und Lupe sowie das Bewusstsein für optische Eigenheiten wie Vignettierung sind entscheidend.

Wer den Umstieg wagt oder darüber nachdenkt, sollte unbedingt praktische Erfahrungen sammeln. Es kann hilfreich sein, zunächst mit einem preiswerten Adapter und einem alten manuellen Objektiv zu experimentieren, um ein Gefühl für die manuelle Arbeitsweise und die Herausforderungen der geringen Schärfentiefe zu bekommen. Die Nutzung einer Tiefenschärfe-App kann ebenfalls helfen, die theoretische Ausdehnung des Schärfebereichs bei verschiedenen Blenden und Entfernungen zu verstehen.

Lichtstarke Festbrennweiten sind keine magische Zutat, die automatisch zu perfekten Videos führt, aber sie sind ein essenzieller Bestandteil des Werkzeugkastens für Videografen, die ihren Bildern einen besonderen, filmischen Charakter verleihen möchten. Es erfordert Übung, Geduld und die Bereitschaft, sich auf eine manuelle Arbeitsweise einzulassen.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was bedeutet 'cinematic look' beim Filmen?

Der 'cinematic look' bezieht sich oft auf visuelle Merkmale, die man aus Kinofilmen kennt, wie z.B. eine geringe Schärfentiefe (Motiv scharf, Hintergrund unscharf), ein angenehmes Bokeh, bestimmte Farbgebungen und Bildkompositionen.

Warum sind Festbrennweiten für diesen Look wichtig?

Festbrennweiten, besonders die lichtstarken Modelle mit großer Offenblende (kleine Blendenzahl wie f/1.8 oder f/1.4), ermöglichen eine sehr geringe Schärfentiefe und tragen so maßgeblich zum Freistellen des Motivs und zum Bokeh bei.

Was ist der Crop-Faktor und wie beeinflusst er die Brennweite?

Der Crop-Faktor beschreibt das Verhältnis der Sensorgröße zu einem Vollformatsensor. Ein kleinerer Sensor (z.B. APS-C oder MFT) beschneidet den Bildausschnitt. Dadurch wirkt die auf dem Objektiv angegebene Brennweite länger. Eine 50mm Linse an einer APS-C-Kamera (Crop 1.6x) hat den Bildausschnitt eines 80mm Objektivs an Vollformat.

Welche Brennweiten brauche ich dann für Crop-Kameras?

Um an einer APS-C- oder MFT-Kamera einen Bildausschnitt zu erhalten, der einem Standard- oder leichten Weitwinkel an Vollformat entspricht, benötigt man kürzere Brennweiten, oft im Bereich von 11mm bis 25mm, je nach gewünschtem Effekt und Crop-Faktor der Kamera.

Ist manuelles Fokussieren bei Offenblende schwer?

Ja, das manuelle Fokussieren bei sehr offener Blende ist aufgrund der extrem geringen Schärfentiefe sehr anspruchsvoll. Es erfordert Präzision und oft die Nutzung von Kamera-internen Hilfsmitteln wie MF-Peaking und Fokuslupe.

Was sind Speedbooster?

Speedbooster sind Adapter mit einer optischen Komponente, die es ermöglichen, Objektive für größere Sensoren an Kameras mit kleineren Sensoren zu adaptieren. Sie reduzieren die effektive Brennweite und erhöhen gleichzeitig die Lichtstärke des Objektivs.

Was ist Vignettierung und ist sie bei Videos ein Problem?

Vignettierung ist eine Abschattung in den Bildecken, die oft bei offener Blende auftritt. Während sie bei Fotos leicht in der Nachbearbeitung korrigierbar ist, ist die Korrektur bei Videos komplexer, kann aber je nach kreativer Absicht auch als Gestaltungsmittel eingesetzt werden.

Muss ich immer mit der größten Blende filmen, um den Cinematic Look zu bekommen?

Nein, nicht unbedingt. Auch ein leichtes Abblenden (z.B. auf f/2.8 oder f/4) kann noch ausreichend geringe Schärfentiefe für den Look bieten, macht aber das Fokussieren deutlich einfacher und reduziert oft Vignettierung und andere optische Aberrationen.

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Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

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