Die Geschichte der Fotografie ist reich an ikonischen Namen, und Rollei ist zweifellos einer davon. Gegründet im Jahr 1920 in Braunschweig, Niedersachsen, von Paul Franke und Reinhold Heidecke als „Werkstatt für Feinmechanik und Optik, Franke & Heidecke“, entwickelte sich das Unternehmen schnell zu einem Synonym für Präzision und Qualität, insbesondere mit seinen Mittelformatkameras. Doch die fast hundertjährige Geschichte von Rollei war alles andere als geradlinig; sie war geprägt von Innovationen, wirtschaftlichem Erfolg, aber auch von zahlreichen Umstrukturierungen, finanziellen Schwierigkeiten und wechselnden Besitzverhältnissen.
https://www.youtube.com/watch?v=0gcJCdgAo7VqN5tD
Die Idee zur Gründung des Unternehmens entstand, als Reinhold Heidecke, damals Produktionsleiter bei Voigtländer, seine Vision einer neuartigen Rollfilmkamera vorstellte, die jedoch von seinem damaligen Arbeitgeber abgewiesen wurde. Zusammen mit Paul Franke, einem erfahrenen Verkäufer, der das notwendige Kapital beschaffte, wagten sie den Schritt in die Selbstständigkeit. Zunächst konzentrierten sie sich auf die Herstellung einer Stereokamera, des Stereo Heidoscop, das ein großer Erfolg wurde. Aus dem Nachfolgeprodukt, dem Rollfilm-Heidoscop, wurde später der Name „Rollei“ abgeleitet, der schließlich zum Firmennamen wurde.

Die Geburt der Rolleiflex und das Goldene Zeitalter
Nach dem anfänglichen Erfolg widmeten sich Franke und Heidecke ihrem eigentlichen Ziel: der Entwicklung einer innovativen Rollfilmkamera. Der erste Prototyp der Rolleiflex wurde 1927 fertiggestellt und zeichnete sich durch absolute Zuverlässigkeit und ein robustes, spritzgegossenes Aluminiumgehäuse aus. Reinhold Heidecke vermied bewusst Komponenten wie Lederbalgen oder Tuchverschlüsse, die in tropischen Klimazonen oder unter rauen Bedingungen problematisch werden könnten. Stattdessen setzte er auf eine ausgeklügelte Mechanik zur Fokussierung und einen Compur Zentralverschluss.
Die Serienproduktion begann im August 1928, und die Nachfrage übertraf schnell die Produktionskapazitäten. Die Rolleiflex war zwar ein teures Produkt, doch ihre Qualität und Innovation, wie der Verzicht auf das rote Fenster und die automatische Bildzählung, überzeugten die Fotografen. Dieser Erfolg ermöglichte es dem Unternehmen, trotz der Weltwirtschaftskrise zu wachsen und 1930 eine neue, größere Fabrik in der Salzdahlumer Straße in Braunschweig zu beziehen.
1933 brachte Rollei die Rolleicord auf den Markt, eine günstigere Version der Rolleiflex mit einfacheren Objektiven und einem Drehknopf statt einer Kurbel für den Filmtransport. Die Rolleicord wurde ebenfalls zu einem großen Erfolg und trug maßgeblich zum Wachstum des Unternehmens bei. Ein weiterer Meilenstein war die Einführung der Rolleiflex Automat im Jahr 1937, die den Filmtransport und das Spannen des Verschlusses in einem Schritt kombinierte und versehentliche Doppelbelichtungen verhinderte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, den Rollei trotz teilweiser Zerstörung der Produktionsanlagen überstand, erlebte das Unternehmen sein „Goldenes Zeitalter“. Die Rolleiflex war die Kamera der Wahl für Pressefotografen und viele Amateure. Die Belegschaft wuchs stark an, und Rollei sah sich nur wenig echter Konkurrenz ausgesetzt. In den 1950er Jahren wurden über 500 Nachahmungen der Rolleiflex produziert, die meisten davon in Japan.
Herausforderungen und Diversifizierung
Mit dem Aufkommen des 35-mm-Formats und insbesondere der einäugigen Spiegelreflexkameras (SLRs) sowie dem Erfolg von Mittelformat-SLRs wie der Hasselblad 500C ab 1957 geriet Rollei unter Druck. Die starre Objektivkonfiguration der klassischen Rolleiflex wurde zu einem Nachteil gegenüber Systemkameras mit wechselbaren Objektiven und Filmmagazinen. Die Geschäftsführung unter Horst Franke, dem Sohn des Mitgründers Paul Franke, reagierte nur zögerlich. Zwar wurden Modelle wie die Tele-Rolleiflex und die Wide Angle Rolleiflex eingeführt, aber eine Mittelformat-SLR, die mit Hasselblad konkurrieren konnte, fehlte lange.

Unter der Führung von Heinrich Peesel, der 1964 den Vorstandsvorsitz übernahm, begann Rollei eine radikale Diversifizierung. Peesel verfolgte das Ziel, in allen Bereichen der Fotografie präsent zu sein. Dies führte zur Entwicklung und Einführung zahlreicher neuer Produkte:
- Rollei 35: Eine revolutionär kleine Kamera für Kleinbildfilm, die zu einem großen Erfolg wurde.
- Rolleiflex SL66: Die lang erwartete Mittelformat-SLR mit integriertem Balgen und schwenkbarer Objektivstandarte, die sich als hochwertiges System etablierte.
- Rollei P11: Der erste Diaprojektor des Unternehmens, der den Umsatz erheblich steigerte.
- Rollei SL35: Rollei's Einstieg in den boomenden Markt der 35-mm-SLR-Kameras, der jedoch von starker japanischer Konkurrenz geprägt war.
- Pocket-Kameras: Modelle wie die A26 und A110/E110, die auf den Instamatic- und 110-Filmformaten basierten.
Ein wesentlicher Teil von Peesels Strategie war die Verlagerung der Produktion nach Singapur im Jahr 1970. Dies sollte die Fertigungskosten senken, schadete aber dem Ruf als deutscher Präzisionshersteller und schuf eine riesige Produktionskapazität, die später nur schwer ausgelastet werden konnte. Trotz anfänglicher Erfolge und steigender Umsätze führten die hohe Investitionstätigkeit, die breite Produktpalette und der intensive Wettbewerb zu erheblichen finanziellen Problemen.
Finanzielle Turbulenzen und wechselnde Eigentümer
Mitte der 1970er Jahre geriet Rollei in eine tiefe Krise. Hohe Verluste führten dazu, dass die Banken die Kontrolle über das Unternehmen übernahmen. Es folgten drastische Sparmaßnahmen, Werksschließungen (wie in Uelzen) und Personalabbau. Unter verschiedenen Managern wie Peter Peperzak und Heinz Wehling versuchte Rollei, sich neu aufzustellen. Innovative Produkte wie die elektronisch gesteuerte Mittelformat-SLR Rolleiflex SLX (später das 6000er System) und der Diaprojektor P3800 mit integrierter Überblendfunktion wurden eingeführt, um sich von der Konkurrenz abzuheben.
Doch die finanziellen Schwierigkeiten blieben bestehen. 1981 meldete Rollei Deutschland schließlich Konkurs an. Das Unternehmen wurde aufgespalten und der Bereich Rollei Fototechnic GmbH, der die professionellen Produkte und Dienstleistungen umfasste, wurde von der britischen United Scientific Holdings (USH) übernommen. Rollei Fototechnic konzentrierte sich auf Systemkameras (Mittelformat und später die 35mm SLR SL2000F/3003) und Diaprojektoren, die wieder in Braunschweig hergestellt wurden, um das Prädikat „Made in Germany“ nutzen zu können.
Es folgten weitere Eigentümerwechsel: 1987 übernahm Heinrich Mandermann, dem auch Schneider Kreuznach gehörte, Rollei. 1995 wurde Rollei von Samsung Techwin gekauft, nur um 1999 im Rahmen eines Management Buyouts zurückgekauft zu werden. 2002 übernahm die dänische Investmentgesellschaft Capitellum A/S das Unternehmen.
Rollei im 21. Jahrhundert: Aufspaltung und neue Ausrichtung
Anfang der 2000er Jahre war das Produktportfolio von Rollei breit gefächert und reichte von klassischen Mittelformatkameras (wie der neu aufgelegten Rolleiflex 2.8 FX) und Kleinbildkameras (Rollei 35 Classic, Rollei 35 RF) über digitale Kameras (oft als OEM-Produkte unter dem Namen Rollei Prego vertrieben) bis hin zu Diaprojektoren und fotometrischen Systemen.
2004 erfolgte eine erneute Aufspaltung: Die Fertigung wurde in die Rollei Produktion GmbH ausgegliedert, die sich später wieder in Franke & Heidecke GmbH umbenannte und die Tradition der Mittelformatkameras in Braunschweig fortführte. Die Rollei GmbH verwaltete die Markenrechte und vertrieb Konsumgüter. Die fotometrischen Bereiche wurden Teil von RolleiMetrics und später von Trimble Holdings.

Die Franke & Heidecke GmbH meldete 2009 ebenfalls Insolvenz an. Teile der Produktion, insbesondere der Mittelformatkameras wie der Hy6, wurden von der neu gegründeten DHW Fototechnik GmbH übernommen, die jedoch 2014 ebenfalls in Insolvenz ging und 2015 aufgelöst wurde. Eine noch kleinere Nachfolgegesellschaft, DW Photo, konzentriert sich seitdem auf das Hy6 System.
Die Markenrechte an „Rollei“ und „Rolleiflex“ wurden 2010 von der Hamburger RCP-Technik GmbH & Co. KG erworben, die seitdem unter dem Namen Rollei GmbH & Co. KG eine breite Palette von Konsumentenprodukten wie Digitalkameras, Actioncams, Stative und Zubehör unter der Marke Rollei vertreibt.
Heute steht der Name Rollei für eine Marke mit einer reichen Vergangenheit, die sowohl für historische Präzisionsinstrumente als auch für moderne Konsumentenprodukte steht. Die Geschichte von Rollei ist ein faszinierendes Beispiel für die Höhen und Tiefen der Fotobranche und die Herausforderungen, denen sich Traditionsunternehmen im Wandel der Zeit stellen müssen.
Wichtige Rollei Kamerasysteme und Produkte im Überblick:
Im Laufe seiner Geschichte hat Rollei eine beeindruckende Vielfalt an Kameras und Zubehör entwickelt:
- Zweiäugige Spiegelreflexkameras (TLRs): Die legendären Rolleiflex und Rolleicord Modelle für 6x6 cm und 4x4 cm (Babyflex).
- Kleinbildkameras: Die kompakte Rollei 35 Serie, die SLR-Systeme SL35 und SL2000F/3003, sowie verschiedene Sucherkameras (A26, A110, Rolleimatic) und später digitale Kompaktkameras.
- Mittelformat-SLRs: Das professionelle Rolleiflex SL66 System und das elektronisch gesteuerte Rolleiflex 6000 System (SLX, 6006, 6008, Hy6).
- Diaprojektoren: Beginnend mit dem P11 bis hin zu modernen Überblendprojektoren der Rolleivision Serie.
- Zubehör: Eine breite Palette von Nahlinsen (Rolleinar), Softfocus-Linsen (Rolleisoft), Filtern (Rolleipol), Filmmagazinen, Stativen, Blitzgeräten (Strobomatic) und sogar Unterwassergehäusen (Rolleimarin).
- Spezialprodukte: Kameras und Systeme für die Fotogrammetrie (Rollei Metric).
Die Marke Rollei hat sich immer wieder neu erfunden, musste aber auch harte Rückschläge hinnehmen. Die Konzentration auf hochwertige professionelle Produkte half dem Unternehmen in schwierigen Zeiten, während die Diversifizierung in den Massenmarkt nicht immer von Erfolg gekrönt war.
Häufig gestellte Fragen zur Geschichte von Rollei:
- Wann wurde Rollei gegründet?
- Rollei wurde am 1. Februar 1920 in Braunschweig, Deutschland, gegründet.
- Wo wurden Rollei Kameras hergestellt?
- Historisch wurden Rollei Kameras hauptsächlich in Braunschweig, Deutschland, hergestellt. In den 1970er Jahren wurde ein Großteil der Produktion nach Singapur verlagert. Später wurde die Produktion von professionellen Kameras und Diaprojektoren wieder nach Braunschweig zurückgeholt. Heute werden die Produkte unter der Marke Rollei von verschiedenen Herstellern in Asien gefertigt, während die professionelle Mittelformat-Linie (Hy6) von DW Photo in Braunschweig weitergeführt wurde (Stand 2015).
- Warum hatte Rollei finanzielle Probleme?
- Die finanziellen Probleme von Rollei hatten mehrere Ursachen, darunter starke Konkurrenz, insbesondere aus Japan, hohe Investitionen in neue Produkte und Produktionsstätten (wie in Singapur und Uelzen), eine zu breite Produktpalette, die nicht immer erfolgreich war, und Managementfehler in verschiedenen Phasen der Unternehmensgeschichte.
- Wofür war Rollei am bekanntesten?
- Rollei ist am bekanntesten für seine innovativen und hochwertigen zweiäugigen Spiegelreflexkameras (TLRs) wie die Rolleiflex und Rolleicord, sowie für seine professionellen Mittelformat-SLR-Systeme.
- Gibt es Rollei heute noch?
- Ja, die Marke Rollei existiert heute noch. Die Markenrechte werden von der Rollei GmbH & Co. KG gehalten, die eine Vielzahl von Foto- und Videozubehör sowie digitalen Produkten vertreibt. Die Produktion der professionellen Mittelformatkamera Hy6 wurde von DW Photo fortgesetzt (Stand 2015, spätere Entwicklungen sind hier nicht beschrieben).
Die Geschichte von Rollei ist ein Spiegelbild der Entwicklung der Fototechnik und der Herausforderungen der globalen Wirtschaft. Von einer kleinen Werkstatt in Braunschweig zu einem Weltunternehmen und wieder zurück zu spezialisierten Nischen und einer breit aufgestellten Konsumentenmarke – Rollei hat viele Wandlungen durchgemacht und bleibt ein wichtiger Name in der Geschichte der Fotografie.
Hat dich der Artikel Rollei: Eine turbulente Fotogeschichte interessiert? Schau auch in die Kategorie Fotografie rein – dort findest du mehr ähnliche Inhalte!
