Im Jahr 1898 machte der italienische Fotograf Secondo Pia eine Entdeckung, die das Mysterium um eines der berühmtesten und umstrittensten Objekte der Geschichte – das Turiner Grabtuch – neu entfachte und vertiefte. Am 28. Mai jenes Jahres fotografierte Pia das Tuch, das in der Kathedrale von Turin aufbewahrt wird. Was er bei der Entwicklung der Fotoplatten sah, war nicht nur ein Abbild des Tuches, sondern ein klares, detailreiches positives Bild eines bärtigen Mannes, das auf dem Negativ zum Vorschein kam. Dieser Moment markierte einen Wendepunkt in der modernen Untersuchung des Turiner Grabtuchs und löste eine wissenschaftliche sowie theologische Debatte aus, die bis heute andauert.

Das Turiner Grabtuch, ein etwa 4,36 Meter langes und 1,10 Meter breites Leinentuch, zeigt den undeutlichen Abdruck eines Mannes, dessen Körper Spuren von Verletzungen aufweist, die den in der Bibel beschriebenen Qualen Jesu Christi ähneln: Geißelung, Dornenkrone und ein Lanzenstich. Für viele Gläubige ist es das authentische Begräbnistuch Jesu. Doch die Frage nach seiner Echtheit spaltet seit Jahrhunderten Gelehrte und die Öffentlichkeit.
Die Sensation von 1898
Bevor Secondo Pias Fotografie gab es bereits Theorien und Spekulationen über das Tuch, doch Pias Arbeit lieferte ein nie dagewesenes visuelles Zeugnis. Die Fotografie, eine relativ neue Technologie Ende des 19. Jahrhunderts, erlaubte es, Details sichtbar zu machen, die mit bloßem Auge auf dem Tuch selbst kaum zu erkennen waren. Als Pia das Negativ betrachtete, war die Überraschung immens. Das Bild des Mannes trat deutlich und mit einer Plastizität hervor, die auf dem positiven Tuchbild fehlte. Dies führte zu der faszinierenden Erkenntnis, dass das Tuchbild selbst wie ein fotografisches Negativ wirkt. Dieser Umstand war im Mittelalter, der Zeit, in der das Tuch laut Radiokarbontest entstanden sein soll, kaum vorstellbar und wurde von Befürwortern der Echtheit oft als ein Indiz für seine übernatürliche oder zumindest nicht-mittelalterliche Entstehung angeführt.
Der anhaltende Streit um die Echtheit
Die Fotografie von Secondo Pia belebte die Debatte um die Echtheit des Grabtuchs neu und intensivierte die wissenschaftliche Untersuchung. Während viele Gläubige das Tuch als Reliquie verehren, suchen Wissenschaftler nach Beweisen für seine Herkunft und Entstehung. Der wohl bedeutendste wissenschaftliche Beitrag zur Datierung des Tuches war der Radiokarbontest im Jahr 1988. Drei unabhängige Laboratorien – in Oxford, Zürich und Tucson – führten den Test durch und kamen zu dem Ergebnis, dass das Tuch mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen 1260 und 1390 nach Christus entstanden ist. Dieses Ergebnis schien die Hypothese zu stützen, dass es sich um eine mittelalterliche Fälschung handelt, möglicherweise jenes Tuch, das erstmals 1357 in der Stiftskirche von Lirey öffentlich gezeigt wurde, wie durch historische Dokumente belegt ist.
Ein weiterer historischer Hinweis, der gegen die Echtheit spricht, ist ein überlieferter Brief eines Bischofs aus dem späten 14. Jahrhundert. Darin soll er geschrieben haben, dass er wisse, dass das Tuch aus Habgier und Gewinnsucht gefälscht wurde und nicht das echte Grabtuch Christi sei. Diese historischen Zeugnisse, in Verbindung mit dem Radiokarbontest, bilden die Hauptargumente der Skeptiker.
Argumente gegen die Radiokarbondatierung
Trotz des scheinbar eindeutigen Ergebnisses des Radiokarbontests von 1988 zweifeln viele Befürworter der Echtheit die Datierung an. Sie führen verschiedene Gründe an, warum der Test ihrer Meinung nach ein falsches Ergebnis geliefert haben könnte. Dazu gehören:
- Verunreinigungen: Das Tuch könnte im Laufe der Jahrhunderte durch Pilze, Bakterien oder andere organische Substanzen kontaminiert worden sein, was das Ergebnis des Radiokarbontests beeinflussen könnte.
- Brandspuren und Löschwasser: Nach einem Brand im Jahr 1532 in Chambéry, bei dem das Tuch beschädigt wurde, könnten Brandspuren und das zum Löschen verwendete Wasser die chemische Zusammensetzung des Tuches verändert haben.
- Reparaturen: Nach dem Brand von 1532 nähten Nonnen etwa 30 Flicken auf das Tuch, um beschädigte Stellen abzudecken. Diese Flicken wurden erst bei Restaurierungsarbeiten im Jahr 2002 entfernt. Die Probenentnahme für den Radiokarbontest im Jahr 1988 könnte an Stellen erfolgt sein, die durch die Reparaturen oder die Nähe zu den Flicken verunreinigt waren.
- Probenentnahme: Es wird argumentiert, dass die Proben für den Test möglicherweise nicht repräsentativ für das gesamte Tuch waren oder an Stellen entnommen wurden, die stärkeren äußeren Einflüssen ausgesetzt waren.
Diese Einwände sind Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Diskussionen und haben zu weiteren Studien und Vorschlägen für neue Tests geführt, die bisher jedoch nicht durchgeführt wurden.
Weitere Indizien für die Echtheit?
Befürworter der Echtheit führen neben den Zweifeln am Radiokarbontest auch andere Indizien an, die ihrer Meinung nach auf ein höheres Alter des Tuches hindeuten und schwer von einem mittelalterlichen Fälscher zu erzeugen gewesen wären:
- Pollenanalysen: Auf dem Tuch wurden Spuren von Pollen verschiedener Pflanzen gefunden. Einige dieser Pollenarten kommen nach Ansicht von Experten nur in Israel und Kleinasien vor. Dies wird als Hinweis darauf gewertet, dass das Tuch auf seinem Weg nach Europa durch diese Regionen gekommen sein könnte, was zu einer Zeit vor dem Mittelalter passen würde. Skeptiker halten es jedoch für möglich, dass solche Pollen auch in moderner Zeit auf das Tuch gelangt sein könnten.
- Gewebestruktur: Textilforscher haben die Webart und Verarbeitung des Leinentuchs untersucht. Die Schweizer Textilforscherin Mechtild Flury-Lemberg stellte fest, dass die Gewebestruktur Ähnlichkeiten mit Leinentüchern aufweist, die bei Ausgrabungen in der Festung Massada (Israel) gefunden wurden und aus der Zeit zwischen 40 v. Chr. und 74 n. Chr. stammen.
- Münzabdrücke: Der italienische Gerichtsmediziner Pierluigi Baima Bollone behauptete, auf Farbfotos des Gesichts auf dem Tuch Spuren von zwei Münzen erkannt zu haben, die zur Zeit des Pontius Pilatus (26-36 n. Chr.) geprägt wurden. Die Platzierung der Münzen auf den Augen des Verstorbenen war eine Bestattungssitte in jener Zeit.
- Medizinische Befunde: Italienische Chirurgen und Mediziner haben die auf dem Tuch sichtbaren Verletzungen analysiert und kommen zu dem Schluss, dass sie medizinisch konsistent mit einer Kreuzigung sind und sogar Hinweise auf eine mögliche Todesursache (innere Blutung nach einem Sturz) liefern könnten, die erklären würde, warum der Abgebildete schneller starb als andere Gekreuzigte – eine Information, die ebenfalls in der Bibel enthalten ist.
- Blutspuren: Es gab Behauptungen, dass auf dem Tuch Spuren von Blut der Blutgruppe AB gefunden wurden. Diese Blutgruppe soll angeblich erst ab dem Mittelalter in der Bevölkerung verbreiteter gewesen sein. Allerdings wurden diese Behauptungen bisher nicht eindeutig bestätigt und sind ebenfalls umstritten.
Wie könnte das Bild entstanden sein?
Unabhängig von der Frage der Echtheit ist die Art und Weise, wie das Bild auf dem Tuch entstanden ist, ein großes Rätsel. Insbesondere wenn man davon ausgeht, dass es sich um eine mittelalterliche Fälschung handelt, stellt sich die Frage nach der Technik, die ein Fälscher im 13. oder 14. Jahrhundert angewandt haben könnte, um ein solch detailliertes und, wie Secondo Pias Fotografie zeigte, negativ-ähnliches Bild zu erzeugen.

- Fotografie-ähnliche Methode: Der Kunsthistoriker Nicolas Allen spekulierte, dass eine Art primitive Fotografie-Technik verwendet worden sein könnte. Er wies nach, dass es theoretisch möglich gewesen wäre, mit Silbernitratlösung getränkte Leinentücher über mehrere Tage hinweg zu belichten, um Bilder von Statuen oder Körpern zu erzeugen.
- Kontaktabdruck: Eine andere Theorie besagt, dass ein Kontaktabdruck erstellt wurde. Dabei könnte der Körper mit Pulver oder Farbpigmenten bestrichen und anschließend in das Tuch gehüllt worden sein. An den Stellen, wo direkter Kontakt bestand, hätte sich das Pigment auf das Tuch übertragen und eine Verfärbung hinterlassen.
- Nasses Tuch über Relief: Im Jahr 2005 berichteten französische Wissenschaftler, dass sie ein Tuchbild erzeugen konnten, das dem Turiner Grabtuch ähnelt, indem sie ein feuchtes Leinentuch über ein Relief mit der Darstellung eines bärtigen Mannes legten.
Keine dieser Theorien konnte bisher das komplexe Erscheinungsbild des Turiner Grabtuchs, insbesondere die fein abgestuften Farbtöne und die negative Eigenschaft des Bildes, vollständig erklären oder reproduzieren.
Die Geschichte des Tuches
Die dokumentierte Geschichte des Turiner Grabtuchs beginnt, wie erwähnt, im Jahr 1357 in Lirey, Frankreich. Wie es dorthin gelangte, ist nicht klar. Eine Theorie besagt, dass es möglicherweise von einem Tempelritter nach Frankreich gebracht wurde. Später kam das Tuch in den Besitz des Hauses Savoyen, einer europäischen Adelsdynastie. Die Savoyer bewahrten das Tuch lange Zeit in ihrer Kapelle in Chambéry auf, wo es 1532 durch den Brand beschädigt wurde. Im 16. Jahrhundert wurde das Tuch nach Turin überführt, der damaligen Hauptstadt des Herzogtums Savoyen. Dort befindet es sich bis heute und wird in der Kathedrale San Giovanni Battista aufbewahrt. Im Jahr 1983 vermachte der letzte König von Italien aus dem Hause Savoyen das Tuch dem Heiligen Stuhl, dem Vatikan.
Andere angebliche Reliquien Christi
Das Turiner Grabtuch ist nicht das einzige Tuch, das angeblich mit Jesus in Berührung kam. Es gibt weitere Objekte, die als Reliquien oder Ikonen verehrt werden und in Verbindung mit der Passion Christi gebracht werden:
- Das Schweißtuch von Oviedo (Santo Sudario): Dieses Tuch wird in der Kathedrale von Oviedo in Spanien aufbewahrt. Es soll nach dem Tod Jesu um seinen Kopf gewickelt worden sein. Ein Radiokarbontest datierte dieses Tuch auf das 7. Jahrhundert. Es wird angenommen, dass es etwa zu dieser Zeit in Oviedo auftauchte.
- Der Schleier von Manoppello (Volto Santo): Dieses Objekt wird in einem kleinen Städtchen namens Manoppello in den Abruzzen, Italien, verehrt. Es handelt sich um ein hauchdünnes Tuch aus kostbarer Muschelseide, das ein Gesicht zeigt, das eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem Gesicht auf dem Turiner Grabtuch aufweist. Einige Experten, darunter der römische Kunsthistoriker Heinrich Pfeiffer, identifizieren es als das „Schweißtuch der Veronika“, eine einst sehr wichtige Reliquie, die seit 708 in Rom bezeugt war und im 16. Jahrhundert aus dem Petersdom verschwand. Der Schleier ist seit 1638 in Manoppello nachweisbar, soll aber der Überlieferung nach bereits 1506 dorthin gelangt sein. Papst Benedikt XVI. besuchte Manoppello im Jahr 2006, sprach aber vorsichtig von einer „Ikone“ statt einer „Reliquie“.
Die Ähnlichkeiten zwischen dem Gesicht auf dem Turiner Grabtuch und dem Schleier von Manoppello sind für viele Befürworter der Echtheit beider Tücher ein starkes Argument. Sie sehen darin eine Übereinstimmung zwischen dem Begräbnistuch und einem Tuch, das angeblich während des Kreuzwegs verwendet wurde.
Reliquien und Ikonen: Eine Unterscheidung
Es ist wichtig, die Begriffe Reliquien und Ikonen zu unterscheiden, da das Turiner Grabtuch offiziell von der katholischen Kirche als Ikone und nicht als Reliquie eingestuft wird, obwohl es für viele Gläubige den Status einer Reliquie hat.
| Begriff | Definition | Vorkommen | Status des Turiner Grabtuchs |
|---|---|---|---|
| Reliquien | Objekte religiöser Verehrung, meist Körperteile oder persönliche Gegenstände eines Heiligen. | Orthodoxes und Katholisches Christentum, Shinto, Buddhismus, Schiitischer Islam. (Nicht im Protestantismus/Sunni Islam) | Offiziell nicht, aber für viele Gläubige eine Berührungsreliquie (Objekt, das mit einem Heiligen in Berührung kam). |
| Ikonen | Ursprünglich religiöse Bilder, vor allem in den christlichen Ostkirchen, die theologische und spirituelle Bedeutung haben, geweiht sind und zur Vertiefung der Beziehung zu Gott dienen. | Vorwiegend christliche Ostkirchen, aber auch im modernen Sprachgebrauch für legendäre Kunstwerke/Personen. | Offizielle Einstufung der katholischen Kirche. |
Das Turiner Grabtuch wird aufgrund seiner Darstellung als Ikone betrachtet, während die Frage, ob es sich um eine tatsächliche Reliquie im Sinne eines direkten physischen Kontakts mit Jesus handelt, Gegenstand der Echtheitsdebatte bleibt.
Fazit: Ein Rätsel bleibt bestehen
Secondo Pias Fotografie im Jahr 1898 revolutionierte die Betrachtung des Turiner Grabtuchs und legte die Grundlage für moderne wissenschaftliche Untersuchungen. Sie enthüllte ein Bild, dessen Klarheit und Eigenschaften im Mittelalter nur schwer vorstellbar gewesen wären. Trotz intensiver Forschung, historischer Analysen und wissenschaftlicher Tests wie der Radiokarbondatierung, bleibt die Frage nach der Echtheit des Turiner Grabtuchs unbeantwortet. Die vorgelegten Beweise und Gegenargumente sind komplex und widersprüchlich, was den Streit zwischen Befürwortern und Skeptikern, Gläubigen und Wissenschaftlern weiterhin befeuert. Das Turiner Grabtuch bleibt eines der faszinierendsten und rätselhaftesten Objekte der Welt, ein Tuch, das Geschichte, Wissenschaft, Kunst und Glauben auf einzigartige Weise miteinander verbindet.
Häufig gestellte Fragen zum Turiner Grabtuch
- Wer war Secondo Pia?
Secondo Pia war ein italienischer Rechtsanwalt und Amateurfotograf, der im Jahr 1898 die erste Fotografie des Turiner Grabtuchs anfertigte. - Was war das Besondere an Secondo Pias Fotografie?
Das Besondere war, dass auf dem Fotonegativ das Bild des Mannes auf dem Tuch viel deutlicher und plastischer hervortrat als auf dem Tuch selbst. Dies zeigte, dass das Tuchbild wie ein fotografisches Negativ wirkt. - Wann wurde das Turiner Grabtuch erstmals öffentlich erwähnt?
Das Tuch wurde erstmals im Jahr 1357 in der Stiftskirche von Lirey, Frankreich, öffentlich präsentiert. - Was ergab der Radiokarbontest von 1988?
Der Test datierte das Tuch mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den Zeitraum zwischen 1260 und 1390 nach Christus. - Warum zweifeln manche Wissenschaftler und Gläubige das Ergebnis des Radiokarbontests an?
Sie führen mögliche Verunreinigungen des Tuches durch Brände, Löschwasser, Mikroben oder Reparaturen sowie die Probenentnahme an ungeeigneten Stellen als Gründe für eine mögliche falsche Datierung an. - Welche anderen Indizien werden zur Stützung der Echtheit angeführt?
Als Indizien werden unter anderem Pollenfunde aus Israel/Kleinasien, eine mit dem 1. Jahrhundert vergleichbare Gewebestruktur, mögliche Münzabdrücke aus der Zeit des Pontius Pilatus und medizinische Analysen der Verletzungen genannt. - Gibt es Theorien, wie das Bild entstanden sein könnte, wenn es eine Fälschung wäre?
Ja, es gibt Theorien wie eine fotografie-ähnliche Methode mit Silbernitrat, einen Kontaktabdruck mit Pigmenten oder die Erzeugung des Bildes durch ein feuchtes Tuch über einem Relief. - Besitzt die katholische Kirche das Turiner Grabtuch?
Ja, das Tuch wurde 1983 vom Haus Savoyen dem Heiligen Stuhl vermacht. - Gibt es andere Tücher, die mit Jesus in Verbindung gebracht werden?
Ja, bekannte Beispiele sind das Schweißtuch von Oviedo und der Schleier von Manoppello. - Ist das Turiner Grabtuch offiziell eine Reliquie?
Offiziell stuft die katholische Kirche das Turiner Grabtuch derzeit als Ikone ein, auch wenn es für viele Gläubige den Status einer Reliquie hat.
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