Warum hat man früher Verstorbene fotografiert?

Fotografie der Toten im 19. Jahrhundert

Rating: 4.75 (5571 votes)

Im 19. Jahrhundert, einer Zeit, in der der Tod ein allgegenwärtiger Teil des Lebens war, etablierte sich mit der Erfindung der Fotografie eine Praxis, die aus heutiger Sicht makaber erscheinen mag: die Fotografie von Verstorbenen, bekannt als Post-mortem-Fotografie. Besonders in Westeuropa und den USA war es üblich, Menschen kurz nach ihrem Ableben zu fotografieren. Diese Bilder dienten den Hinterbliebenen als bleibende Erinnerung an ihre Liebsten in einer Ära, in der andere Formen der bildlichen Darstellung, wie gemalte Porträts, teuer und zeitaufwendig waren und oft gar kein Bild einer Person existierte.

Die Intention hinter diesen Aufnahmen war nicht, den Tod in seiner Grausamkeit festzuhalten, sondern vielmehr, den Verstorbenen so lebensecht wie möglich darzustellen. Es sollte der Eindruck erweckt werden, als würden die abgelichteten Personen nur schlafen. Dies war ein Versuch, den Sieg über die Vergänglichkeit zu zelebrieren und den Tod als einen Übergang, nicht als ein endgültiges Ende zu inszenieren. Gedichte wie das von John Donne, das vom Tod als einem kurzen Schlaf sprach, der in ewiges Erwachen mündet, spiegelten diese Sichtweise wider.

Was ist ein Postmortem-Bild?
Postmortem-Fotografien sind Bilder, die von Menschen nach ihrem Tod gemacht werden . Gedenk- und Postmortem-Fotografie war von der Erfindung der Daguerreotypie 1839 bis in die 1930er Jahre weit verbreitet. Todesfälle waren im 19. und frühen 20. Jahrhundert häufig, und von vielen Menschen – insbesondere Kindern – wurde zu Lebzeiten kein Foto gemacht.

Eine Zeit, in der der Tod zum Alltag gehörte

Das 19. Jahrhundert war eine Zeit, die von hoher Sterblichkeit geprägt war. Krankheiten wie Cholera, Diphtherie, Pocken, Tuberkulose und Typhus verbreiteten sich rasend schnell. Medizinischer Fortschritt, wie wir ihn heute kennen, mit Impfungen und Antibiotika wie Penicillin, existierte noch nicht. Die hygienischen Bedingungen in den schnell wachsenden Städten waren oft schlecht, was die Ausbreitung von Seuchen begünstigte. Trinkwasser war häufig verunreinigt, und selbst kleine Infektionen konnten tödlich enden.

Zusätzlich zu den Krankheiten forderten auch Konflikte wie der Amerikanische Bürgerkrieg (1861-1865) einen hohen Tribut. Mehr als 600.000 Soldaten verloren ihr Leben, und fast jede Familie war direkt vom Verlust oder der schweren Verwundung eines Angehörigen betroffen. Der Tod konnte schnell und unerwartet eintreten, und die Kindersterblichkeit war erschreckend hoch.

Trauerrituale einer anderen Zeit

Angesichts der Allgegenwart des Todes entwickelten sich in der Gesellschaft vielfältige und tief verwurzelte Trauerrituale. Wenn die letzten Stunden eines Familienmitglieds nahten, versammelte sich oft die gesamte Familie am Totenbett. Nach dem Eintritt des Todes wurden die Spiegel in der Wohnung verhängt – ein Brauch, der verhindern sollte, dass sich die Seele des Verstorbenen im Glas verfing.

Der Verstorbene wurde häufig für mehrere Tage im Wohnzimmer aufgebahrt, um Verwandten, Nachbarn und Freunden die Möglichkeit zu geben, Abschied zu nehmen. Während dieser Zeit hielt immer jemand Totenwache. Dieser Brauch hatte auch einen sehr praktischen Grund: die Angst, lebendig begraben zu werden. Da es noch keine absolut zuverlässigen medizinischen Methoden zur Feststellung des Todes gab, kam es tatsächlich vor, dass bewusstlose oder schwer verletzte Personen irrtümlicherweise für tot gehalten und begraben wurden. Die Entwicklung von sogenannten Sicherheitssärgen, wie dem von Johann Gottfried Taberger im Jahr 1829, der mit einer Glocke verbunden war, zeugt von dieser tiefsitzenden Angst.

Die öffentliche Zurschaustellung von Trauer war im 19. Jahrhundert selbstverständlich. Witwen signalisierten durch die Farbe ihrer Kleidung das Stadium ihrer Trauer: beginnend mit Schwarz, später erlaubt waren auch Weiss, Grau und Violett. Männer trugen meist dunkle Kleidung und nutzten Trauer-Accessoires wie einen schwarzen Trauerflor am Hut oder ein Kreppband am Oberarm. Viele Hinterbliebene bewahrten eine Locke des Verstorbenen auf, oft in Ringen oder Schatullen, manchmal wurden daraus sogar aufwendige Schmuckstücke gefertigt.

Die Anfänge der Fotografie und die Totenbilder

Mit der Erfindung der Daguerreotypie im Jahr 1839 durch Louis Daguerre begann ein neues Kapitel in der bildlichen Erinnerung. Die Daguerreotypie war das erste praktikable fotografische Verfahren, bei dem Bilder auf polierten, chemisch behandelten Silberplatten festgehalten wurden. In den Anfängen war das Verfahren sehr aufwendig und teuer. Die Belichtungszeiten waren lang, oft bis zu eineinhalb Minuten. Dies machte es schwierig, lebende Personen, insbesondere Kinder oder Tiere, scharf abzulichten, da sie sich kaum so lange stillhalten konnten. Auf vielen frühen Post-mortem-Aufnahmen sind die Verstorbenen daher oft die einzigen wirklich scharfen Personen, während die Lebenden leicht verschwommen wirken.

Aufgrund der Kosten war eine Daguerreotypie für viele Familien ein Luxus. Doch wenn ein Angehöriger starb, wurde der Wunsch nach einer bleibenden Erinnerung übermächtig. Familien legten ihr Geld zusammen, um sich eine solche Aufnahme leisten zu können. So kam es, dass die Totenfotografie oft das einzige Bild war, das von einer Person existierte.

Ab etwa 1860 wurde die Fotografie durch die Einführung von Fotopapier zugänglicher und günstiger. Dies trug zur Verbreitung der Post-mortem-Fotografie bei. Hinterbliebene konnten nun Abzüge für Freunde und Verwandte anfertigen lassen und trugen Bilder ihrer Liebsten in Medaillons dicht bei sich.

Inszenierung des letzten Schlafs

Ein besonders beliebtes Motiv in der Post-mortem-Fotografie war die Darstellung des sogenannten „Der letzte Schlaf“. Hierfür wurden die Verstorbenen, oft in ihrem Bett, drapiert und mit Blumen geschmückt, um den Eindruck zu erwecken, sie würden lediglich ruhen. Kleinkinder wurden häufig in ihrem Taufkleid fotografiert, junge Frauen manchmal in weissen Kleidern, die an Hochzeitskleider erinnerten. Die Blumen dienten dabei nicht nur als Dekoration, sondern halfen auch, Gerüche zu überdecken, die durch den Verfall entstanden.

Die Inszenierungen konnten sehr aufwendig sein. Tote wurden in Sessel gesetzt, Kinder mithilfe von Stützen zwischen ihre lebenden Geschwister gestellt. Manchmal wurden Wangen und Lippen leicht geschminkt, um Farbe ins Gesicht zu bringen, und in seltenen Fällen wurden sogar Pupillen auf die geschlossenen Lider gemalt, um die Augen offen erscheinen zu lassen. Ziel war es stets, den Eindruck des Lebens oder zumindest des friedlichen Schlafs zu vermitteln, nicht den des Todes.

Kann man Verstorbene fotografieren?
Aber auch nach Ablauf von 10 Jahren nach dem Tod kann die Nutzung eines Fotos, auf dem ein Verstorbener abgebildet ist, unzulässig sein. Dies ist z.B. der Fall, wenn die konkrete Art der Fotonutzung das postmortale Persönlichkeitsrecht des Verstorbenen grob beeinträchtigt.

Mehr als nur ein Bild: Bedeutung und Wandel

Die frühen Fotografien, insbesondere die Daguerreotypien, wurden manchmal als „Spiegel mit einer Erinnerung“ bezeichnet. Es gab auch die Vorstellung, wie sie etwa vom Schriftsteller Honoré de Balzac formuliert wurde, dass mit jedem fotografischen Akt eine winzige Schicht des Körpers abgetragen werde. Für die Post-mortem-Fotografie gab diese mystische Vorstellung den Bildern eine zusätzliche Tiefe: Die Hinterbliebenen konnten glauben, dass ein winziger Überrest ihrer Liebsten auf dem Bild festgehalten war, gerettet vor dem endgültigen Schwinden. Der Werbeslogan eines Fotostudios, „Sichere den Schatten, ehe die Substanz schwindet“, bringt diese Vorstellung eindrucksvoll auf den Punkt.

Die Post-mortem-Fotografie war somit nicht nur ein Mittel der Erinnerung, sondern auch eine Form des Trostes und ein Ausdruck der damaligen Auffassung vom Tod als Übergang. Sie waren auch eine Art Memento mori, eine stille Mahnung an die eigene Sterblichkeit.

Mit der Zeit verlor die Praxis der Totenfotografie an Bedeutung. Der medizinische Fortschritt ab dem späten 19. Jahrhundert führte dazu, dass weniger Menschen frühzeitig starben und die Kindersterblichkeit sank. Gleichzeitig entwickelte sich die Fotografie zu einem Massenmedium, und Familien liessen sich routinemässig zu Lebzeiten fotografieren. Die Notwendigkeit, den einzigen bildlichen Beweis für die Existenz eines geliebten Menschen nach dessen Tod zu schaffen, nahm ab. Zwischen 1940 und 1960 verschwand die Post-mortem-Fotografie im nordeuropäischen und nordamerikanischen Raum weitgehend.

Vergleich: Gestern und Heute

Ein Blick auf die Praktiken rund um Tod und Erinnerung zeigt deutliche Unterschiede zwischen dem 19. Jahrhundert und heute:

Aspekt19. JahrhundertHeute
Ort des SterbensOft zu HauseOft in Altersheim/Krankenhaus
Häufigkeit, Tote zu sehenOft im Alltag präsentSelten im Alltag präsent
Fotografie von VerstorbenenTeil der TrauerritualeWeitgehend Tabu
Zurschaustellung der TrauerÖffentlich und sichtbar (Kleidung, Rituale)Privater
Bedeutung der FotografieOft das einzige Bild, bleibende ErinnerungErinnerung unter vielen Bildern

Häufig gestellte Fragen zur Post-mortem-Fotografie

Hier beantworten wir einige häufige Fragen zu dieser historischen Praxis:

Warum wurden Verstorbene überhaupt fotografiert?

Verstorbene wurden fotografiert, um den Hinterbliebenen eine bleibende Erinnerung zu ermöglichen. In einer Zeit ohne alltägliche Fotografie war dies oft die einzige Möglichkeit, ein Bild der geliebten Person zu erhalten. Es war auch ein Weg, den Tod als friedlichen Übergang darzustellen und einen Teil des Menschen bildlich festzuhalten.

Wie wurden die Toten auf den Fotos dargestellt?

Die Verstorbenen wurden oft so inszeniert, dass sie lebendig oder schlafend wirkten. Sie wurden in Sessel gesetzt, gestützt, um stehen zu erscheinen, oder im Bett liegend im Stil des „letzten Schlafs“ arrangiert. Manchmal wurden leichte kosmetische Anpassungen vorgenommen, wie das Schminken der Lippen oder das Malen von Pupillen auf die Lider.

War diese Praxis weit verbreitet?

Ja, die Post-mortem-Fotografie war im 19. Jahrhundert, insbesondere in Westeuropa und den USA, eine relativ verbreitete Praxis, die Teil der Trauerrituale war.

Warum hat diese Praxis aufgehört?

Die Praxis ging zurück und verschwand schliesslich weitgehend im 20. Jahrhundert aus mehreren Gründen: medizinischer Fortschritt reduzierte die frühe Sterblichkeit, Fotografie wurde erschwinglicher und alltäglicher, sodass Menschen zu Lebzeiten fotografiert wurden, und die gesellschaftliche Einstellung zum Tod veränderte sich.

Welche technischen Herausforderungen gab es bei der Aufnahme?

In der Anfangszeit der Daguerreotypie waren die Belichtungszeiten sehr lang (bis zu 1,5 Minuten). Dies erschwerte das scharfe Ablichten lebender Personen, da sie sich nicht so lange stillhalten konnten. Die Verstorbenen waren unbeweglich, was sie zu leichteren Motiven für eine scharfe Aufnahme machte.

Auch wenn die Post-mortem-Fotografie heute als ungewohnt oder sogar verstörend empfunden werden mag, war sie im 19. Jahrhundert ein wichtiger und tröstlicher Teil der Trauerkultur, eine Brücke der Erinnerung in einer Zeit, in der das Leben flüchtig und der Tod allgegenwärtig war.

Hat dich der Artikel Fotografie der Toten im 19. Jahrhundert interessiert? Schau auch in die Kategorie Fotografie rein – dort findest du mehr ähnliche Inhalte!

Avatar photo

Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

Go up