Nach dem turbulenten Ende seiner Ära an der Spitze der Credit Suisse und dem darauffolgenden Kollaps der Schweizer Grossbank hat sich Urs Rohner weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung zurückgezogen. Die Frage, was der langjährige Verwaltungsratspräsident heute macht, beschäftigt viele, die seine Karriere verfolgt haben. Die einst mächtige Position im Zentrum der Schweizer Finanzwelt hat er hinter sich gelassen, und mit dem Verlust weiterer Mandate zeichnet sich ein klares Bild seines aktuellen Lebensabschnitts ab.

Lange Zeit hegte Urs Rohner offenbar die Hoffnung auf ein Comeback in der Welt der bedeutenden Verwaltungsratsmandate. Doch die Ereignisse, die zum Untergang der Credit Suisse führten, haben diese Ambitionen wohl endgültig zunichte gemacht. Ein Jahr nach dem Kollaps der Bank, deren Präsident er von 2011 bis 2021 war, scheint auch bei ihm die Einsicht gereift zu sein, dass Anfragen für grosse Mandate ausbleiben werden. Aus seinem Umfeld wird berichtet, dass er die aktuelle Situation akzeptiert hat, auch wenn Einsicht und Selbstkritik nicht unbedingt als seine grössten Stärken gelten.
Schwindende Mandate: Das Ende einer Ära
Ein klares Zeichen für das Ende seiner Mandatskarriere ist sein bevorstehender Austritt aus dem Verwaltungsrat des britischen Pharmakonzerns GlaxoSmithKline (GSK). Dieses Mandat war eines der letzten von Bedeutung, die er nach seinem Abgang bei der Credit Suisse noch innehatte. Die Generalversammlung von GSK am 8. Mai 2024 wird gleichzeitig den Schlusspunkt unter diese Tätigkeit setzen. Verwaltungsratspräsident Sir Jonathan Symonds bedankte sich in der Einladung an die Aktionäre für Rohners «bedeutenden Beitrag und sein Engagement für GSK während seiner Zeit im Verwaltungsrat». Mit diesem Schritt verliert Urs Rohner sein letztes verbleibendes grosses Mandat und zieht sich weiter aus der Corporate Governance grosser internationaler Unternehmen zurück.
Neue Wege abseits der Bankenwelt
Nach seinem Rücktritt als Präsident der Credit Suisse hat sich Urs Rohner nicht vollständig zur Ruhe gesetzt, sondern ist unternehmerisch tätig geworden, wenn auch in einem anderen Rahmen als zuvor. Er führt die Consulting-Firma U. Rohner & Co. AG, die ihren Sitz im Zürcher Seefeld hat. Diese Firma scheint seine primäre berufliche Plattform zu sein, über deren genaue Aktivitäten in der Öffentlichkeit jedoch wenig bekannt ist.
Darüber hinaus hat sich Rohner im Start-up-Bereich engagiert. Er gründete Vega Cyber Associates, ein Unternehmen, das sich auf die Entwicklung von Lösungen im Bereich Cyber-Security konzentriert. Angesichts der zunehmenden Bedeutung von Cyber-Sicherheit in der heutigen digitalen Welt mag dies ein zukunftsträchtiges Feld sein, das jedoch weit entfernt vom traditionellen Bankgeschäft liegt.
Ein weiteres unternehmerisches Engagement führte ihn in die Welt der physischen Edelmetalle. Zusammen mit dem Goldhändler Ashraf Rizvi gründete er die Gilded Switzerland AG. Der Zweck dieser Firma war die «Abwicklung von Geschäften im Bereich des Kaufs und Verkaufs von physischen Edelmetallen und die Erbringung von damit zusammenhängenden Dienstleistungen». Allerdings scheint dieses Unterfangen auf Schwierigkeiten gestossen zu sein, denn die Firma firmiert inzwischen als Gilded Switzerland AG in Liquidation. Dies deutet darauf hin, dass auch nicht alle seiner neuen Geschäftsideen von Erfolg gekrönt waren.
Urs Rohner hat sich nach seinem Abgang von der Grossbank weitgehend aus der öffentlichen Berichterstattung zurückgezogen. Ein seltenes Zeichen seiner Präsenz war ein Interview, das er im Herbst 2022 dem Journalisten Res Strehle gewährte, aus dem jedoch nicht zitiert werden durfte. Dieser Rückzug steht im Kontrast zu seiner früheren Rolle als Präsident einer globalen Grossbank, der regelmässig im Rampenlicht stand.
Eine Bilanz der Credit-Suisse-Ära: Herausforderungen und Skandale
Um Urs Rohners heutige Position und seinen Rückzug zu verstehen, ist ein Blick zurück auf seine Zeit an der Spitze der Credit Suisse unerlässlich. Seine Amtszeit als Verwaltungsratspräsident von 2011 bis 2021 war geprägt von zahlreichen Herausforderungen, strategischen Fehlern und einer Serie von Skandalen, die letztlich das Vertrauen in die Bank und ihre Führung nachhaltig erschütterten.
Rohners Weg an die Spitze der Bank war ungewöhnlich. Als Jurist ohne direkte Erfahrung im Investment-Banking wurde er von seinem Mentor Walter Kielholz in die Geschäftsleitung geholt und als künftiger CEO gehandelt. Doch der damalige Bankchef Oswald Grübel warnte davor, einen Juristen ohne diese Erfahrung an die Spitze zu setzen. Schliesslich wurde der Investment-Banker Brady Dougan CEO, während Rohner 2009 in den Verwaltungsrat wechselte, zunächst als Vizepräsident aufgrund von Auflagen der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma). 2011 übernahm er dann das Präsidium.

Die Konstellation, dass der Verwaltungsratspräsident den CEO beaufsichtigen musste, dessen Job er selbst nicht bekommen hatte, wurde von Beobachtern als «Kardinalfehler aus dem Lehrbuch» bezeichnet. Dies mag dazu beigetragen haben, dass Rohner das von Dougan ausgebaute Investment-Banking mit seinen inhärenten Risiken und der Kultur hoher Boni nie wirklich in den Griff bekam.
Obwohl die Credit Suisse die Finanzkrise von 2007/08 ohne staatliche Hilfe überstand, geriet sie unter Rohners Führung immer wieder in Schwierigkeiten. Eine schwache Aufsicht und mangelnde Risikokontrolle führten zu einer Kette von Skandalen:
- US-Steuerfall (2014): Die Bank musste in den USA eine Rekordbusse von 2.6 Milliarden Franken zahlen wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Rohner, der seit 2004 als Rechtschef die Verantwortung trug, behauptete in einem Interview, er persönlich habe eine «weisse Weste», während er die Frage für die Bank offenliess.
- Mosambik-Kredit (2013): Die Credit Suisse gewährte der Regierung Mosambiks einen Kredit von einer Milliarde Dollar für Entwicklungsprojekte. Das Geld versickerte jedoch aufgrund von Korruption, und die Bank musste wegen mangelnder Aufsicht eine Busse von 475 Millionen Dollar bezahlen.
- Greensill-Fonds (ab 2017): Die Bank vertraute dem australischen Geschäftsmann Lex Greensill, dessen Firma Lieferketten finanzierte. Vier Fonds mit Kundengeldern im Wert von insgesamt zehn Milliarden Dollar mussten im März 2021 geschlossen werden. Die Rechtsstreitigkeiten um die Verluste dauern an, und die Finma rügte die Bankführung nach Abschluss ihres Verfahrens im Februar 2023 scharf.
- Archegos-Fall (Anfang 2021): Kurz vor Rohners Abgang verliess sich die Bank auf den vorbestraften südkoreanischen Investor Bill Hwang und seinen Hedge-Fund Archegos. Dieser tätigte in New York gewaltige Wetten an der Börse. Der Fonds brach nach einem Rekordverlust von zehn Milliarden Dollar innert zehn Tagen zusammen. Die Credit Suisse erkannte das Risiko als letzte Bank und verlor dabei fünf Milliarden Dollar.
Diese Serie von Misserfolgen und Skandalen führte zu einem erheblichen Vertrauensverlust bei Kunden, Investoren und der Öffentlichkeit.
Vergütung und Aktienkursentwicklung im Vergleich
Während der 12-jährigen Amtszeit von Urs Rohner als oberster Verantwortlicher der Credit Suisse bezog er eine Gesamtvergütung von 53 Millionen Franken. Interessanterweise wurde davon nur ein geringer Anteil von 26 Prozent in Aktien ausgezahlt – der geringste Anteil unter allen Verwaltungsratsmitgliedern, wie das Wirtschaftsmagazin Bilanz errechnete. Diese Vergütung steht in krassem Gegensatz zur Entwicklung des Aktienkurses der Bank während derselben Periode. Der Kurs sank von fast 60 Franken auf unter 10 Franken.
| Zeitraum (Präsidentschaft) | Vergütung Urs Rohner | Aktienkursentwicklung CS |
|---|---|---|
| 12 Jahre (ca. 2011-2021) | 53 Millionen CHF | Von ca. 60 auf < 10 CHF |
Dieser Vergleich verdeutlicht die Diskrepanz zwischen der persönlichen Vergütung des Präsidenten und dem Wertverlust der Bank für ihre Aktionäre.
Die Folgen und der Blick nach vorn
Die anhaltenden Probleme und die Kritik an der Führung gipfelten darin, dass der Verwaltungsrat an der virtuellen Generalversammlung 2021 darauf verzichtete, die Décharge-Erteilung (Entlastung) zu beantragen. An der Generalversammlung 2022 wurde die Décharge mit 60 Prozent der Stimmen abgelehnt, was bedeutet, dass der Verwaltungsrat theoretisch immer noch zur Verantwortung gezogen werden könnte. Urs Rohner selbst entschuldigte sich an der Generalversammlung 2021 als abtretender Präsident mit den Worten: «Wir haben unsere Kundinnen und Kunden enttäuscht. Und dies leider nicht zum ersten Mal. Dafür entschuldige ich mich.»
Die Untersuchungsberichte der Finma zu den Verlusten bei Archegos und zur Beschattungsaffäre um den ehemaligen CS-Banker Iqbal Khan fällten ein «vernichtendes Urteil über Rohners Präsidialzeit». Der Chefredaktor der Bilanz, Dirk Schütz, schlussfolgerte aus diesen Berichten, dass die Finma bei schnelleren Verfahren möglicherweise sogar ein Berufsverbot hätte aussprechen können. Seine Einschätzung ist klar: «Als sicher darf gelten: Im Bankgeschäft wird Rohner nicht mehr auftauchen.»
Dieses Fazit zieht einen endgültigen Schlussstrich unter eine Karriere, die einst hohe Ziele verfolgte, aber letztlich von einer Reihe von Rückschlägen und Reputationsschäden überschattet wurde. Urs Rohner mag heute abseits des Bankenwesens neue Wege gehen, doch sein Name bleibt untrennbar mit einer der schwierigsten Phasen in der Geschichte der Schweizer Finanzwelt verbunden.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was macht Urs Rohner heute beruflich?
Urs Rohner führt heute eine Consulting-Firma namens U. Rohner & Co. AG in Zürich. Er gründete zudem das Start-up Vega Cyber Associates, das Lösungen im Bereich Cyber-Security entwickelt. Ein weiteres Engagement in der Edelmetallbranche mit der Gilded Switzerland AG befindet sich in Liquidation.
Wird Urs Rohner wieder im Bankwesen arbeiten?
Basierend auf den kritischen Finma-Berichten über seine Zeit an der Credit Suisse und der Meinung von Branchenexperten gilt es als sehr unwahrscheinlich, dass Urs Rohner zukünftig wieder eine Position im Bankwesen übernehmen wird.
Warum schwinden Urs Rohners Verwaltungsratsmandate?
Urs Rohners Reputation wurde durch die zahlreichen Skandale und die letztendliche Implosion der Credit Suisse während oder kurz nach seiner Amtszeit als Verwaltungsratspräsident stark beeinträchtigt. Dies hat dazu geführt, dass er keine Anfragen mehr für bedeutende Mandate erhält, wie sein bevorstehender Austritt aus dem Verwaltungsrat von GlaxoSmithKline zeigt.
Hat dich der Artikel Wo ist Urs Rohner heute? Nach der Credit Suisse interessiert? Schau auch in die Kategorie Ogólny rein – dort findest du mehr ähnliche Inhalte!
