Das Jahr 1918 war für die Schweiz, obwohl sie neutral blieb, eine Zeit tiefgreifender Krisen. Der Erste Weltkrieg wütete in den Nachbarländern und seine Auswirkungen machten sich auch in der Eidgenossenschaft schmerzhaft bemerkbar. Versorgungsengpässe, massive Teuerung und eine sich verschärfende soziale Ungleichheit legten den Grundstein für eine der bedeutendsten Auseinandersetzungen der modernen Schweizer Geschichte: den Landesstreik.

Die Vorgeschichte: Krisen und wachsende Unruhe
Die Schweiz war im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert keineswegs ein Land ohne Arbeitskonflikte. Die Zahl der Streiks nahm seit den 1860er-Jahren stetig zu, von 71 in den 1870ern auf 1418 im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Auch lokale Generalstreiks gab es bereits, etwa in Genf (1902) und Zürich (1912). Robert Grimm, ein führender Kopf am linken Flügel der Sozialdemokratischen Partei (SP), war einer der wichtigsten Befürworter des Generalstreiks als Kampfmittel. Die Gewerkschaften zeigten sich zunächst skeptischer.

Die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs
Der Krieg verschärfte die bestehenden sozialen Probleme dramatisch. Während sich die SP zu Beginn dem "Burgfrieden" anschloss, vertiefte sich die Kluft zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum zusehends. Die Inflation liess die Preise explodieren, während die Löhne nur schleppend und unvollständig angepasst wurden. Landwirtschaft und Teile der Industrie profitierten, während Lohnabhängige, Wehrmänner und ihre Familien sowie Konsumenten unter der Teuerung, Lebensmittel-, Energie- und Kleiderknappheit litten. Reallohnverluste von durchschnittlich rund 30 Prozent waren die Folge. Die Wohnungsnot wurde durch den Einbruch der Bautätigkeit extrem. Ganze Familien lebten unter unwürdigen Bedingungen. 1917 wurden Grundnahrungsmittel rationiert, und im letzten Kriegsjahr war mehr als ein Sechstel der Bevölkerung auf Notstandsunterstützung angewiesen, die oft erst nach entwürdigenden Prozeduren gewährt wurde.
Auch in der Armee, die im Schnitt 500 bis 600 Diensttage pro Mann leistete, war die Stimmung schlecht. Die finanzielle Absicherung war ungenügend, und viele Familien rutschten unter die Armutsgrenze, da ein Erwerbsersatz noch fehlte und sie auf niedrigere weibliche Einkommen angewiesen waren. Der "preussische Drill" unter General Ulrich Wille trug ebenfalls zur Unzufriedenheit bei.
Spanische Grippe als zusätzlicher Faktor
Gegen Kriegsende breitete sich die verheerende Spanische Grippe aus. Rund die Hälfte der Schweizer Bevölkerung erkrankte, etwa 22'000 Menschen starben – 1918 war das einzige Jahr im 20. Jahrhundert mit mehr Toten als Geburten. Die erste Welle im Sommer 1918 fiel mit der Verschärfung der Versorgungsengpässe zusammen. Die Armee wurde wegen der Unterkunftsbedingungen der Soldaten und mangelhafter Sanitätsvorbereitung stark kritisiert. Die Behörden reagierten zögerlich mit Versammlungsverboten und Hygieneanweisungen, aber die Umsetzung war inkonsistent. Die zweite, heftigere Welle im Herbst traf mit der Zuspitzung der Konflikte und dem Landesstreik zusammen. Später wurde versucht, die Grippetoten der Armee politisch zu instrumentalisieren und als Opfer des Streiks darzustellen. Tatsächlich beschleunigte das massive Militäraufgebot Anfang November die Ausbreitung, während die Lahmlegung des Verkehrs durch den Streik die Ansteckungskurve eher abflachte.
Protestwelle und Radikalisierung
Die wachsende soziale Unrast entlud sich ab 1916 in einer Zunahme von Streiks und Demonstrationen. Die Zahl der Streiks und Beteiligten stieg von 35 mit 3'330 im Jahr 1916 auf 269 mit 24'382 (ohne Landesstreik) im Jahr 1918. Es gab Marktdemonstrationen, Hungermärsche von Frauen und grosse Teuerungsdemonstrationen. Ein Höhepunkt waren die Zürcher Novemberunruhen 1917 mit Strassenschlachten und vier Toten. Auch in Bellinzona (Plünderung der Milchzentrale), Biel (Hungerkrawall mit Todesopfer) und Lugano (lokaler Generalstreik) kam es zu gewaltsamen Zwischenfällen.
Teile der SP radikalisierten sich ebenfalls. Unter Robert Grimm fanden 1915/16 die internationalen Zimmerwalder und Kientaler Konferenzen statt, die für eine rasche Beendigung des Krieges plädierten. Der SP-Parteitag von 1917 nahm einen deutlich antimilitaristischen Kurs an, der die Bekämpfung militärischer Institutionen und die Ablehnung von Militärforderungen postulierte – ein Bruch mit der bisherigen Haltung.
Das Oltener Aktionskomitee
Als Reaktion auf die Pläne des Bundesrates zur Einführung einer allgemeinen Zivildienstpflicht gründete sich im Februar 1918 das Oltener Aktionskomitee (OAK) als Bindeglied zwischen SP und Gewerkschaften, präsidiert von Robert Grimm. Das Komitee, das von Anfang an einen eher konspirativen Charakter hatte, entwickelte sich rasch zu einem schlagkräftigen 'Exekutivausschuss'. Es drohte erfolgreich mit einem Generalstreik, als der Bundesrat im April den Milchpreis erhöhte, und rief im Juni zu Teuerungsdemonstrationen auf. Eine erneute Streikdrohung im Juli wegen der Beschränkung des Versammlungsrechts führte zur Bildung einer internen 'Landesstreik-Kommission' beim Bundesrat.
Der Erste Allgemeine Schweizerische Arbeiterkongress im Juli 1918 ermächtigte das OAK, Verhandlungen mit dem Bundesrat zu führen und einen Generalstreik vorzubereiten oder auszulösen. Damit war die Streikfrage entschieden, und es begannen konkrete Vorbereitungen. Ein unerwartetes Einlenken des Bundesrates verhinderte einen Streik im Sommer, doch die Planungen liefen weiter.
Interessanterweise entwickelte sich danach eine Form der Sozialpartnerschaft, bei der das OAK und die Regierung gemeinsam Lösungen für soziale Probleme suchten. Diese 'Hofgängerei' stiess jedoch auf Widerstand im radikalen Flügel der Arbeiterschaft, insbesondere in Zürich, wo die Basis ungeduldig war und auf schnelle Fortschritte drängte. Dies führte zu Konflikten zwischen dem OAK und der Zürcher Arbeiterunion.
Anders als von bürgerlichen Kreisen lange behauptet, gibt es keine Belege für eine direkte Unterwanderung oder Finanzierung des OAK durch die Sowjetmission in Bern, obwohl diese zur gleichen Zeit aktiv war und schliesslich ausgewiesen wurde. Robert Grimm selbst stand der leninistischen Linie ablehnend gegenüber. Das OAK plante keinen Umsturz im bolschewistischen Sinne, auch wenn die sozialistische Presse teilweise revolutionäre Rhetorik verwendete.
Der Weg in den und der Ablauf des Landesstreiks
Der unmittelbare Auslöser für den Landesstreik war die militärische Besetzung Zürichs am 7. November 1918, angeblich vorsorglich im Hinblick auf die Feiern zum Jahrestag der russischen Oktoberrevolution. Die Zürcher Arbeiterunion rief daraufhin zu einem Proteststreik auf, der am 9. November begann. Als die Zürcher beschlossen, den Streik am 11. November fortzusetzen, sah sich das OAK gezwungen, den landesweiten Generalstreik auszurufen, um seine Führungsposition zu behaupten. Es war, wie ein Zeitgenosse es ausdrückte, in der fatalen Lage eines Generalstabes, dessen Truppen ohne Befehl angegriffen hatten.
Der eigentliche Landesstreik begann am Dienstag, dem 12. November 1918. Rund eine Viertelmillion Arbeiterinnen und Arbeiter traten in den Ausstand, um die Forderungen des OAK zu unterstreichen. Der Bundesrat reagierte mit einem massiven Aufgebot von etwa 95'000 Ordnungstruppen, davon 20'000 in Zürich und 12'000 in Bern. Diese Truppen kamen aus ländlichen und westschweizerischen Gebieten, die als 'zuverlässig' galten. Zusätzlich bildeten sich Bürgerwehren. Die militärische Präsenz auf den Strassen war enorm; strategische Gebäude, der Eisenbahnverkehr und sogar das Bundeshaus wurden besetzt. Die Truppen unterstützten Post und bürgerliche Zeitungen im Notbetrieb.
An den meisten Orten verlief der Streik ruhig. Unruhen entstanden meist erst nach Militäraufmärschen. Besonders wirkungsvoll war die Beteiligung der Eisenbahner, die den Streik auch in ländliche Gegenden trugen. In der Westschweiz und im Tessin war die Beteiligung schwächer. Wichtige Dienste wurden durch Militär, höhere Angestellte, Studierende und Bürgerwehren aufrechterhalten.
In einer ausserordentlichen Session des Parlaments am 12. November stellte Bundespräsident Felix Calonder zwar sozialpolitische Reformen und eine mögliche Regierungsbeteiligung der SP in Aussicht, lehnte aber Verhandlungen mit dem OAK strikt ab. Er verurteilte den Streik scharf als 'Verbrechen' und wetterte gegen 'bolschewistischen Terror' und 'skrupellose Hetzer'. Die bürgerliche Mehrheit stand fest, während die SP vorgezogene Neuwahlen nach Proporz, die 48-Stunden-Woche und Sozialversicherungen forderte.
Ultimatum und Streikabbruch
Die Landesregierung und die Armeeführung blieben unerbittlich. Am 13. November stellte der Bundesrat dem OAK ein Ultimatum. Daraufhin beschloss das Aktionskomitee, gegen den Widerstand einer Minderheit um Robert Grimm, den Streik für den 14. November abzubrechen. Sie befürchteten, dass die Armee den Streik gewaltsam niederschlagen würde, was unweigerlich zu einem Bürgerkrieg geführt hätte, auf den die Streikleitung nicht vorbereitet war. Ein Spitzel des Armee-Nachrichtendienstes übermittelte die Nachricht vom Abbruch sofort.
Der letzte Streiktag und die Toten von Grenchen
Der 14. November war der letzte Tag des Landesstreiks. In Grenchen, einer Stadt mit vielen Uhrenfabriken, hatten die Arbeiter die Information über den Streikabbruch offenbar nicht erhalten oder ignorierten sie. Sie streikten weiter und demonstrierten teils aggressiv. Als eine Gruppe Geleise demolierte, um einen Zug aufzuhalten, wurden zusätzliche Truppen nach Grenchen beordert. Am Nachmittag versuchte das Militär unter Major Henri Pelet, die Demonstrationen aufzulösen. Bei einer Konfrontation in einer Gasse kam es zur Schussabgabe durch Füseliere des Waadtländer Infanteriebataillons 6. Drei junge Uhrmacher – Marius Noirjean (17), Fritz Scholl (21) und Hermann Lanz (29) – starben. Ein weiterer wurde verletzt. Die Umstände der Schussabgabe blieben umstritten, Ungereimtheiten im Untersuchungsbericht (z.B. Anzahl Schüsse, fehlende Autopsie) wurden nie geklärt. Dies war einer der letzten Einsätze der Schweizer Armee gegen die eigene Bevölkerung.
Forderungen des Oltener Aktionskomitees
Das Oltener Aktionskomitee formulierte im November 1918 ein Neun-Punkte-Programm mit folgenden zentralen Forderungen:
- sofortige Neuwahl des Nationalrates nach dem Proporzsystem
- das aktive und passive Frauenwahlrecht
- Schaffung einer Alters- und Invalidenversicherung
- Einführung einer allgemeinen Arbeitspflicht
- 48-Stunden-Woche
- Reorganisation der Schweizer Armee im Sinne eines Volksheeres
- Ausbau der Lebensmittelversorgung
- Staatsmonopole für Import und Export
- Tilgung aller Staatsschulden durch die Besitzenden
Nach dem Landesstreik: Folgen und Entwicklungen
Am Freitag, dem 15. November, wurde fast überall die Arbeit wieder aufgenommen. Lediglich in Zürich streikten Holz- und Metallarbeiter noch weiter. Die Beerdigung der Toten von Grenchen fand am 16. November statt, ohne Autopsie gemäss Untersuchungsbericht. Ein Vorstoss im Parlament durch den Solothurner SP-Nationalrat Jacques Schmid, der die Verantwortlichen für den Einsatz in Grenchen zur Rechenschaft ziehen wollte, wurde vom Militärdepartementsvorsteher Camille Decoppet abgewiesen mit der Begründung, die Truppen hätten 'ihre Pflicht getan', schuldig seien die 'Reizenden' und 'Revolutionäre'.

Juristische Folgen
Die Militärjustiz leitete nach dem Streik 3'504 Strafverfahren ein, vor allem gegen Eisenbahner, die zu 127 Verurteilungen führten. Zusätzlich gab es 46 Verurteilungen wegen Verweigerung des Ordnungsdienstes. Im März/April 1919 fand der Landesstreikprozess gegen 21 Mitglieder der Streikleitung statt. Verurteilt wurden Robert Grimm, Fritz Platten und Friedrich Schneider zu je sechs Monaten Gefängnis, Ernst Nobs zu vier Wochen. Max Rüdt, der Leiter des Grenchner Streikkomitees, wurde zweimal verurteilt. Die diensthabenden Kader und Füseliere in Grenchen wurden hingegen nie juristisch belangt.
Politische und gesellschaftliche Polarisierung
Die Jahre nach dem Landesstreik waren von tiefer Polarisierung geprägt. Die Linke spaltete sich 1921 mit der Gründung der Kommunistischen Partei (KPS), die sich der Dritten Internationalen anschloss, während die SP der Mehrheit ihrer Basis treu blieb. Die SP konnte ihre Wählerbasis stärken und zog in Kantons- und Stadtregierungen ein, erhielt aber trotz ihrer Stärke bis zum Zweiten Weltkrieg keinen Sitz im Bundesrat. Auf der rechten Seite schlossen sich die bürgerlichen Kräfte enger zusammen und radikalisierten sich. Bürgerwehren wurden ausgebaut und teilweise von Grosskonzernen finanziert. 1919 entstand der 'Schweizerische Vaterländische Verband' (SVV) als rechtsbürgerliche Kampforganisation, die Streikabwehr organisierte, linke Organisationen bespitzelte und die bürgerlichen Kräfte koordinierte. Die Gesellschaft war tief gespalten, was sich auch in einer eigenen Arbeiterkultur zeigte. Erst in den späten 1930er Jahren kam es im Zeichen der 'Geistigen Landesverteidigung' zu einer teilweisen Annäherung.
Der 'Galop Social' und das Schicksal der Forderungen
Trotz der Niederlage des Streiks setzte nach 1918 eine Reformperiode ein, der sogenannte 'Galop Social'. Es gab zahlreiche sozialpolitische Vorschläge. Der Bund bewilligte Mittel für Arbeitsbeschaffung und Wohnbauförderung, was den genossenschaftlichen Wohnungsbau stimulierte. Es wurden Ideen zur 'Wirtschaftsdemokratie' diskutiert, wie betriebliche Mitbestimmung oder paritätische Wirtschaftsräte. Die FDP versprach vor den Wahlen 1919, den Staat zum Sozialstaat auszubauen. Links-bürgerliche Parlamentarier forderten eine Totalrevision der Bundesverfassung zur Sicherung der Ernährung und Gründung einer Sozialversicherungsanstalt.
Mit dem Abflauen der Revolutionsängste versandete die Reformdynamik Anfang der 1920er Jahre. Die Forderungen des OAK hatten unterschiedliche Schicksale. Einige sind bis heute nicht verwirklicht (z.B. Tilgung der Staatsschulden durch die Besitzenden). Andere wurden relativ rasch umgesetzt: Die erste Neuwahl des Nationalrates nach dem Proporzwahlrecht erfolgte bereits im Herbst 1919, was die SP stärkte. Die 48-Stunden-Woche wurde 1919/20 flächendeckend realisiert. Die Schaffung einer Alters- und Invalidenversicherung (AHV) wurde während des Streiks vom Bundesrat begrüsst. Eine Expertenkommission nahm die Arbeit auf, und 1925 wurde der AHV-Artikel in der Verfassung angenommen. Die Umsetzung zur Realität wurde aber erst 1948 vollzogen, beschleunigt durch die Furcht vor einem 'zweiten 1918' während des Zweiten Weltkriegs. Das Frauenstimm- und -wahlrecht, das in Deutschland und Österreich sofort nach 1918 eingeführt wurde, liess in der Schweiz noch bis 1971 auf sich warten.
Gedenken und historische Einordnung
Über Jahrzehnte hinweg erinnerte nur ein Gedenkstein auf dem Friedhof von Grenchen an die Opfer des Streiks (der um 1950 entfernt wurde). Erst ab dem 90. Jahrestag 2008 entstanden neue Denkmäler in Olten und Grenchen. Zum 100. Jahrestag 2018 gab es schweizweit diverse Gedenkanlässe, die an die Ereignisse und die daraus resultierenden sozialen Errungenschaften erinnerten.
Der Landesstreik von 1918 war ein Wendepunkt. Er zeigte die Fragilität des sozialen Friedens in Zeiten extremer Krisen, führte zur tiefen Polarisierung der Gesellschaft, beschleunigte aber gleichzeitig wichtige soziale Reformen wie die 48-Stunden-Woche und legte den Grundstein für den Sozialstaat, auch wenn die Umsetzung vieler Forderungen Jahrzehnte dauerte. Das Oltener Aktionskomitee spielte eine zentrale Rolle bei der Bündelung der Proteste, sah sich aber auch mit den Grenzen seiner Macht konfrontiert.
Häufig gestellte Fragen zum Landesstreik 1918
Was war der Schweizer Landesstreik von 1918?
Der Landesstreik war ein landesweiter Generalstreik, der vom 12. bis 14. November 1918 in der Schweiz stattfand. Er wurde vom Oltener Aktionskomitee ausgerufen und war eine Reaktion auf die sozialen und wirtschaftlichen Krisen des Ersten Weltkriegs.
Warum fand der Landesstreik statt?
Die Hauptursachen waren die massiven sozialen und wirtschaftlichen Probleme während des Ersten Weltkriegs: Teuerung, Versorgungsengpässe, Reallohnverluste, Wohnungsnot und schlechte Bedingungen in der Armee. Hinzu kam die wachsende soziale Unruhe und die Radikalisierung von Teilen der Arbeiterbewegung.
Wer führte den Landesstreik an?
Der Streik wurde vom Oltener Aktionskomitee (OAK) aus Vertretern der Sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften organisiert. Die führende Persönlichkeit war Robert Grimm.
Welche Forderungen stellte das Oltener Aktionskomitee?
Das OAK stellte ein Neun-Punkte-Programm auf, das unter anderem die sofortige Neuwahl des Nationalrates nach Proporz, das Frauenwahlrecht, die Einführung einer Alters- und Invalidenversicherung, die 48-Stunden-Woche und eine Reorganisation der Armee forderte.
Wie reagierte die Schweizer Regierung auf den Streik?
Der Bundesrat lehnte Verhandlungen mit dem OAK ab, rief massive Ordnungstruppen auf und stellte ein Ultimatum zum Streikabbruch. Gleichzeitig wurden aber auch Reformen in Aussicht gestellt.
Gab es Todesopfer während des Streiks?
Ja, am 14. November 1918 kam es im Rahmen von Auseinandersetzungen zwischen streikenden Arbeitern und dem Militär in Grenchen zu einer Schussabgabe, bei der drei junge Uhrmacher starben.
Wurden die Forderungen des Streiks erfüllt?
Einige Forderungen wurden relativ schnell erfüllt, wie die Einführung des Proporzwahlrechts für den Nationalrat (1919) und die flächendeckende Einführung der 48-Stunden-Woche (1919/20). Andere, wie die AHV, brauchten länger (umgesetzt 1948), und das Frauenwahlrecht wurde erst 1971 eingeführt. Die Tilgung der Staatsschulden durch die Besitzenden wurde nie realisiert.
Was waren die langfristigen Folgen des Landesstreiks?
Der Streik führte zu einer tiefen politischen und gesellschaftlichen Polarisierung, aber auch zu einer Beschleunigung sozialpolitischer Reformen ('Galop Social'). Er trug zur Stärkung der Arbeiterbewegung und zur Entwicklung des Schweizer Sozialstaates bei.
Hatte der Streik ausländische Einflüsse?
Zeitgenössisch gab es Gerüchte über Einflüsse, insbesondere der sowjetischen Mission. Historische Forschung hat jedoch keine Belege für eine direkte Beteiligung ausländischer Mächte an der Planung des Streiks gefunden, obwohl ausländische Agenten in der Schweiz aktiv waren und die allgemeine politische Lage beeinflussten.
Vergleich: Forderungen und Realisierung
| Forderung des OAK (1918) | Realisierung | Bemerkungen |
|---|---|---|
| Neuwahl Nationalrat nach Proporz | 1919 | Schnell umgesetzt |
| Frauenwahlrecht | 1971 (eidgenössisch) | Sehr langsam umgesetzt |
| Alters- und Invalidenversicherung (AHV/IV) | AHV 1948, IV 1960 | Langer Prozess, beschleunigt durch WWII |
| Allgemeine Arbeitspflicht | Nicht umgesetzt | |
| 48-Stunden-Woche | 1919/20 | Schnell umgesetzt, flächendeckend |
| Reorganisation Armee (Volksheer) | Nicht umgesetzt im Sinne des OAK | Armeereformen, aber nicht zum Volksheer |
| Ausbau Lebensmittelversorgung | Massnahmen ergriffen | Krisenmassnahmen, teilweise temporär |
| Staatsmonopole Import/Export | Nicht umgesetzt | |
| Tilgung Staatsschulden durch Besitzende | Nicht umgesetzt |
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