Einst eines der wohlhabendsten Länder Südamerikas, reich an Bodenschätzen, insbesondere Erdöl, steht Venezuela heute im Zentrum einer tiefgreifenden politischen, wirtschaftlichen und humanitären Krise. Was sind die Ursachen für diesen dramatischen Niedergang, der Millionen Menschen in Armut stürzte und zur grössten Migrationsbewegung in der jüngeren Geschichte Lateinamerikas führte? Die Antwort ist komplex und liegt in einem Zusammenspiel aus wirtschaftlichem Missmanagement, politischer Instabilität, dem Verfall der Ölpreise und externem Druck.

Die Wirtschaft am Abgrund: Schulden und Hyperinflation
Ein zentraler Pfeiler der venezolanischen Krise ist die explodierende Staatsverschuldung. Lag sie im Jahr 2014 noch bei überschaubaren 66 Milliarden US-Dollar, was etwa 51 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) entsprach, so verschärfte sich die Lage dramatisch. Bis 2017 hatten der Staat und der staatliche Erdölkonzern PDVSA Anleihen im Wert von 110 Milliarden Dollar begeben. Zusammen mit Krediten und Zinsen beliefen sich die Forderungen auf bis zu 170 Milliarden Dollar. Gläubiger verlangten im Frühjahr 2017 zur Absicherung auf Anleihen Zinsen von rund 40 Prozent – ein klares Zeichen für das immense Ausfallrisiko.
Erstaunlicherweise bediente die Regierung unter Nicolás Maduro auch im Jahr 2017 trotz scharfer Rhetorik gegen die USA ihre ausländischen Gläubiger. Die Washington Post nannte dies eine „selbstmörderische Zahlungsmoral“. Experten sahen den Grund darin, dass die Regierung offene Finanzkanäle benötigte, um an die Dollars zu gelangen, mit denen sie die Loyalität und repressive Gewalt der Armee und Milizen kaufte. Ein Zahlungsausfall hätte nach Ansicht von Fachleuten einen sofortigen Regierungswechsel bedeuten können.
Die finanzielle Situation verschärfte sich weiter. Das Defizit des Staatshaushaltes wurde 2018 auf geschätzte 20 Prozent des BIP beziffert. Im Jahr 2017 war Russland über seine staatliche Ölfirma Rosneft der letzte verbleibende Kreditgeber für neue Kredite und leistete Vorauszahlungen in Höhe von 6 Milliarden Dollar. Doch auch diese Unterstützung schien im Frühjahr 2018 angesichts der komplizierten Lage mit US-Sanktionen gegen beide Länder fraglich zu werden. Am 3. November 2017 senkte Standard & Poor’s die Bonitätsnote Venezuelas von CCC auf CC. Zu diesem Zeitpunkt beliefen sich die Schulden auf 155 Milliarden Dollar, über deren Umschuldung verhandelt werden sollte – was jedoch nie geschah.
Parallel zur Schuldenkrise erlebte Venezuela eine der extremsten Hyperinflation der jüngeren Geschichte. Die Zahlen sprechen für sich: Die Inflationsrate betrug 2016 rund 800 Prozent, stieg 2017 auf über 2000 Prozent und erreichte 2018 schwindelerregende 80.000 Prozent. Für 2019 lagen die Schätzungen laut offiziellen venezolanischen Quellen zwischen 7374 Prozent und 9585 Prozent, während der Internationale Währungsfonds von 200.000 Prozent ausging. Erst im Jahr 2022 schien die Hyperinflation überwunden zu sein, und während der Präsidentschaftswahl 2024 pendelte sich die Rate um die 100 Prozent ein – immer noch sehr hoch, aber weit entfernt von den Spitzenwerten.

Die Auswirkungen der Hyperinflation auf den Alltag waren verheerend. Die Landeswährung, der Bolivar, verlor dramatisch an Wert und Vertrauen. Ihre Verwendung war zunehmend auf den Kauf stark subventionierter Güter wie Benzin, Strom, Gas oder Telefonie von Staatsunternehmen beschränkt. Im täglichen Leben wurde stattdessen der amerikanische Dollar zur dominierenden Währung, unterstützt durch die Rimessen, also Geldüberweisungen, von Venezolanern im Ausland. Zunehmend wurden auch Kryptowährungen genutzt.
Ein besonders absurdes Beispiel für die Preisverzerrungen war das Benzin. Von der Bevölkerung als eine Art Naturrecht angesehen, wurde „kostenloses“ Benzin von der Regierung aus Angst vor Unruhen bis ins Jahr 2018 nicht im Preis angepasst, selbst während der Versorgungskrise. Anfang August 2018 konnte man auf dem Schwarzmarkt für einen einzigen Dollar 600.000 Liter Benzin kaufen. Eine andere Rechnung der Zeitung El País ergab, dass ein Eurocent ausreichte, um Benzin für drei Jahre (bei einem Verbrauch von 40 Litern pro Woche) zu kaufen. Während dieser eine Preis zwei Jahre lang unverändert blieb, explodierten die Preise für alle anderen Güter.
Ein Land im Mangel: Die Versorgungskrise
Seit 2016 befindet sich Venezuela in einer tiefen Versorgungskrise. Während Benzin extrem stark subventioniert war, kosteten Waren des täglichen Bedarfs ein Vielfaches. Anfang 2016 kostete ein Liter Wasser bereits mehr als eine Tankfüllung für einen Lastwagen. Im November 2017 wurden Lebensmittel wegen der täglich steigenden Preise nur noch in kleinen Portionen von unter 200 Gramm verkauft. Vier Esslöffel Zucker kosteten 4000 Bolivares, was zwei Drittel des damaligen täglichen Mindestlohns entsprach.
Bis zum Sommer 2018 hatte sich die Versorgungslage weiter verschlechtert, da das Land zum größten Teil auf Importe angewiesen war. Dies betraf nicht nur Medikamente für die mehr oder weniger zusammengebrochene medizinische Versorgung, sondern auch Lebensmittel. Schon im Jahr 2017 galten 80 Prozent der Bevölkerung nach vier Jahren galoppierender Inflation als verarmt; eine Studie aus dem Jahr 2018 kam sogar auf eine Armutsquote von 90 Prozent.
Massnahmen der Regierung zur Bekämpfung der Krise hatten oft kontraproduktive Folgen. Eine Erhöhung des Mindestlohns im Sommer 2018 konnte laut Neuer Zürcher Zeitung den wenigen verbliebenen Kleinunternehmern das Genick brechen. Gleichzeitig ließ die Regierung Verhaftungen von Ladenbesitzern, denen Wucherpreise vorgeworfen wurden, live im Fernsehen übertragen. Der Präsident der verfassungswidrigen „Verfassungsgebenden Versammlung“ erklärte, die Unternehmer würden „nur lernen, wenn sie hinter Gittern sitzen“. Währenddessen hatte die Regierung flink und unbemerkt erstmals den Tausch von Dollars legalisiert – ein Eingeständnis der Realität, dass die Rimessen der ins Ausland geflüchteten Venezolaner an ihre Familien zur wichtigsten Finanzierungsquelle des Landes geworden waren.

Der Einfluss von Aussen: Sanktionen und Geopolitik
Seit 2015 leidet die venezolanische Wirtschaft zunehmend unter den von der US-Regierung und der EU verhängten Sanktionen. Unter der Präsidentschaft von Donald Trump wurde US-Unternehmen und US-Bürgern beispielsweise verboten, Staatsanleihen und Schuldverschreibungen der venezolanischen Regierung zu kaufen. Auch der Export von Öl und Gold wurde erschwert. Das erklärte Ziel dieser Strafmaßnahmen war es, durch den Entzug finanzieller Mittel einen Regimewechsel zu erzwingen.
Diese Sanktionen trafen ein Land, das bereits durch Missmanagement und den Verfall der Ölpreise stark geschwächt war. Während die US-Regierung und viele westliche Länder den Oppositionsführer Juan Guaidó als Interimspräsidenten anerkannten, behielt Maduro die Unterstützung wichtiger Länder wie China, Kuba, Russland und der Türkei. Venezuelas Verbündete versuchten, die US-Bemühungen zu untergraben. Russland unterstützte die Regierung weiterhin, sandte im März 2019 russische Truppen und half der Regierung, Sanktionen im Ölsektor zu umgehen. China bot an, beim Wiederaufbau des nationalen Stromnetzes zu helfen.
Die politischen Spannungen und die Sanktionen verschärften die ohnehin desolate wirtschaftliche und humanitäre Lage im Land weiter.
Die Wurzeln der Krise: Wirtschaftliches Missmanagement und Ölpreisverfall
Die tieferen Ursachen der Krise reichen zurück. Unter dem sozialistischen Führer Hugo Chávez, der 1998 an die Macht kam, nutzte Venezuela seine immensen Ölreserven und steigenden Rohölpreise, um der Bevölkerung subventionierte Güter und Dienstleistungen anzubieten. Dies führte zu einer Reduzierung der extremen Armut. Allerdings führten Jahre wirtschaftlichen Missmanagements und Korruption dazu, dass der ehemals fähig geführte staatliche Ölkonzern PDVSA zu einer dysfunktionalen, korrupten und aufgeblähten Institution wurde, die von militärischen und politischen Verbündeten ohne erfahrenes Fachpersonal geführt wurde.
Chávez vertiefte auch die Abhängigkeit Venezuelas von Ölexporten. Der Anteil des Treibstoffs an den Gesamtexporten stieg von rund 71 Prozent im Jahr 1998 auf fast 98 Prozent im Jahr 2013. Als die globalen Ölpreise im Jahr 2014 stark einbrachen, führte dies unweigerlich zu einem rapiden wirtschaftlichen Niedergang.

Nach Chávez' Tod im Jahr 2013 übernahm sein Nachfolger Nicolás Maduro die Präsidentschaft. Seine Regierung versuchte, die Wirtschaftskrise durch das Drucken von Geld zu bekämpfen. Diese Politik stürzte das Land in eine jahrelange Hyperinflation. Die explodierenden Preise führten zu gravierenden Engpässen bei lebensnotwendigen Gütern wie Medikamenten und Lebensmitteln, was landesweite Proteste und Unruhen auslöste und Millionen Venezolaner zur Flucht zwang. Nach einer weithin als manipuliert kritisierten Wahl wurde Maduro 2018 wiedergewählt, was aggressive US-Sanktionen nach sich zog und die Wirtschaft weiter devastierte.
Ein Leben in Dunkelheit: Die Energiekrise
Ein weiteres Symptom der tiefen Krise ist die chronische Energiekrise, die sich in häufigen und landesweiten Stromausfällen manifestiert. Für grosse Teile des Landes bestehen diese Probleme seit einem Jahrzehnt, im westlichen Bundesstaat Zulia sogar seit 15 Jahren. Infobae berichtete im August 2024 von schätzungsweise 200 Stromausfällen täglich, begleitet von häufigen Beschwerden bei Corpoelec, dem staatlichen Stromunternehmen.
Ein Grossteil der elektrischen Energie Venezuelas stammt aus dem sehr grossen Wasserkraftwerk am Guri-Staudamm, das in den 1960er Jahren gebaut wurde. Laut Associated Press leidet dieses System unter schlechter Wartung, einem Mangel an alternativen Energiequellen und dem Abgang von Ingenieuren, da schätzungsweise 8 Millionen venezolanische Migranten in den letzten Jahren vor der wirtschaftlichen Not geflohen sind. Agence France-Presse zitiert Experten, die die häufigen Stromausfälle auf offizielle Korruption und mangelnde Investitionen in die Verteilernetze zurückführen.
Die grössten landesweiten Ausfälle ereigneten sich 2019 und dauerten Tage. Obwohl die Maduro-Regierung im September 2023 ankündigte, ein ungenanntes chinesisches Unternehmen werde das Stromnetz modernisieren, blieben die Probleme bis 2024 ungelöst. Die häufigen Ausfälle beeinträchtigen das tägliche Leben massiv, führen zu Unterbrechungen des Telefon- und Internetdienstes und Problemen mit dem Zugang zu Trinkwasser. Dies löste Bürgerproteste aus; laut der NGO Observatorio Venezolano de Conflictividad Social (OVCS) gab es 2023 mindestens 416 solcher Proteste. Die Menschenrechtsorganisation PROVEA warnte, dass die Verschlechterung nicht „normalisiert“ werden dürfe.

Die jüngsten grossen Ausfälle im August und September 2024, die Dutzende von Bundesstaaten und die Hauptstadt Caracas betrafen und teilweise über 20 Stunden andauerten, sind nur Beispiele für die tägliche Realität vieler Venezolaner.
Die Flucht vor der Krise: Millionen auf dem Weg
Die verheerenden wirtschaftlichen Bedingungen, die mangelnde Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern und die politische Instabilität haben zur grössten Migrationskrise in der Region geführt. Seit die Krise 2015 eskalierte, sind schätzungsweise sieben Millionen Venezolaner aus dem Land geflohen. Sechs Millionen von ihnen haben sich in anderen lateinamerikanischen Ländern niedergelassen, allein fast 2,5 Millionen in Kolumbien. Sie fliehen vor Gewalt, Verfolgung und dem Mangel an Nahrungsmitteln und Medikamenten. Oft mussten sie ihr gesamtes Hab und Gut zurücklassen und benötigen bei der Ankunft dringend Lebensmittel, Unterkünfte und Zugang zur Gesundheitsversorgung.
Der Exodus hat eine regionale humanitäre Krise verursacht, da Nachbarregierungen Schwierigkeiten haben, die grosse Zahl von Flüchtlingen und Asylbewerbern aufzunehmen und ihnen Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen zu ermöglichen. Die Sicherheitsbedingungen für Migranten werden durch bewaffnete Gruppen entlang der porösen Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela weiter verschlechtert. Auch die Migration über gefährliche Routen wie den Darién Gap nach Zentralamerika hat zugenommen, wobei im Jahr 2023 über eine halbe Million Venezolaner diesen Weg nahmen, die meisten mit dem Ziel USA.
Obwohl die Inflation vor den Wahlen im Juli 2024 auf einen Zehnjahrestiefststand von 59 Prozent sank, bleibt die Rate eine der höchsten der Welt. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die politischen Unsicherheiten treiben weiterhin Menschen zur Flucht, auf der Suche nach einem besseren Leben und grundlegender Sicherheit.
Häufig gestellte Fragen
Warum steckt Venezuela in einer Krise?
Venezuela befindet sich in einer tiefen Krise aufgrund einer Kombination aus wirtschaftlichem Missmanagement, politischer Instabilität, dem starken Verfall der Ölpreise (von denen das Land stark abhängig ist) und internationalen Sanktionen. Diese Faktoren führten zu explodierender Staatsverschuldung, Hyperinflation, schwerwiegenden Versorgungsengpässen und dem Zusammenbruch der Infrastruktur.

Wie kam es zur Hyperinflation in Venezuela?
Die Hyperinflation wurde durch mehrere Faktoren verursacht. Der Rückgang der Öleinnahmen führte zu einem Mangel an Devisen, was Importe erschwerte und die Preise in die Höhe trieb. Gleichzeitig finanzierte die Regierung ihre Ausgaben und Defizite durch das Drucken grosser Geldmengen, was zu einem Überangebot an Bolivares und deren dramatischer Abwertung führte. Politisches Missmanagement und Korruption verschärften die Situation.
Was sind die Hauptursachen für die Hyperinflation?
Die Hauptursachen sind der Verfall der Ölpreise in den frühen 2010er Jahren, die übermässige Abhängigkeit von Ölexporten, wirtschaftliches Missmanagement und Korruption (insbesondere bei PDVSA) unter der Chávez-Regierung, die Politik des Gelddruckens unter Maduro zur Finanzierung von Defiziten sowie politische Instabilität und internationale Sanktionen.
Warum fliehen so viele Menschen aus Venezuela?
Die Menschen fliehen aufgrund der verheerenden humanitären und sozioökonomischen Bedingungen. Die Krise führt zu Gewalt, Verfolgung, extremen Mangel an Nahrungsmitteln und Medikamenten sowie fehlendem Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen. Die Suche nach Sicherheit, Nahrung, Gesundheitsversorgung und wirtschaftlichen Überlebensmöglichkeiten treibt Millionen zur Flucht in Nachbarländer und darüber hinaus.
Was verursacht die Stromausfälle in Venezuela?
Die häufigen Stromausfälle sind auf eine Energiekrise zurückzuführen, die durch mangelnde Wartung der Infrastruktur (insbesondere des grossen Guri-Staudamms), fehlende Investitionen in Verteilernetze, Korruption im staatlichen Energieunternehmen Corpoelec und den Abgang von Fachpersonal (Ingenieuren) infolge der Krise verursacht wird. Es gibt auch einen Mangel an alternativen Energiequellen.
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