Welche Kamera haben die Bechers verwendet?

Bernd & Hilla Becher: Meister der Typologie

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Bernd und Hilla Becher sind feste Größen in der Geschichte der modernen Fotografie, bekannt für ihre unermüdliche Dokumentation verschwindender Industriebauten. Ihr Werk geht weit über die bloße Abbildung hinaus und hat das Verständnis von Fotografie als konzeptionelle Kunstform maßgeblich geprägt. Doch wie fanden diese beiden Künstler zusammen und was machte ihre gemeinsame Arbeit so revolutionär?

Hilla Becher, geboren 1934 als Hilla Wobeser, und Bernd Becher, geboren 1931, trafen sich 1957 an der Kunstakademie Düsseldorf. Ihre Hintergründe waren unterschiedlich: Hilla hatte eine Ausbildung zur Werbefotografin absolviert, während Bernd zunächst Malerei und dann Typografie studierte. Diese unterschiedlichen Perspektiven sollten sich als fruchtbar erweisen, als sie 1959 begannen, gemeinsam zu arbeiten. Zwei Jahre später heirateten sie, und ihre künstlerische Partnerschaft wurde zu einer der einflussreichsten in der Fotografie des 20. Jahrhunderts.

Was haben Bernd und Hilla Becher fotografiert?
Die renommierten deutschen Künstler Bernd und Hilla Becher (1931–2007; 1934–2015) veränderten die Fotografie des späten 20. Jahrhunderts grundlegend. Als seltenes Künstlerpaar konzentrierten sie sich auf ein einziges Thema: die verschwindende Industriearchitektur Westeuropas und Nordamerikas, die die Moderne prägte .

Wer waren Hilla und Bernd Becher?

Hilla und Bernd Becher waren deutsche Konzeptkünstler und Fotografen, die als Duo arbeiteten. Sie widmeten sich über vier Jahrzehnte der systematischen Erfassung von Industrieanlagen und -strukturen. Ihr Ziel war es, eine visuelle Enzyklopädie dieser oft übersehenen Architekturen zu schaffen, bevor sie dem Abriss zum Opfer fielen. Sie erhielten zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Erasmus-Preis 2002 und den Hasselblad Award 2004, nicht nur für ihr fotografisches Werk, sondern auch für ihre bedeutende Rolle als Professoren an der Kunstakademie Düsseldorf, wo Bernd von 1976 bis 1996 lehrte und die sogenannte „Becher-Schule“ begründete.

Wie wurden sie ein Duo?

Die Zusammenarbeit von Hilla und Bernd Becher begann 1959, zwei Jahre nachdem sie sich an der Kunstakademie Düsseldorf kennengelernt hatten. Bernd, der aus einer Familie stammte, die in der Stahl- und Bergbauindustrie des Ruhrgebiets tätig war, war fasziniert von der Architektur dieser Anlagen. Gemeinsam erkannten sie das Potenzial, diese Strukturen fotografisch zu dokumentieren und zu vergleichen. Ihre unterschiedlichen Ausbildungen – Hilla als ausgebildete Fotografin mit technischem Know-how und Bernd mit einem Auge für Form und Struktur aus Malerei und Typografie – ergänzten sich perfekt. Sie heirateten 1961 und setzten ihre gemeinsame Arbeit bis zu Bernds Tod im Jahr 2007 fort, wobei Hilla danach weiterhin an der Zusammenstellung und Präsentation ihres gemeinsamen Archivs arbeitete.

Was fotografierten sie?

Das zentrale Thema der Bechers war die Industriearchitektur. Sie konzentrierten sich auf funktionale Gebäude und Strukturen, die oft als rein utilitär betrachtet wurden, aber dennoch eine eigene, unaufdringliche Ästhetik besaßen. Zu ihren bevorzugten Motiven gehörten:

  • Wassertürme
  • Kohlebunker
  • Gasometer
  • Hochöfen
  • Kalköfen
  • Fördertürme
  • Getreidesilos
  • Fachwerkhäuser (als frühes Projekt)

Ihre Arbeit war streng dokumentarisch. Die Aufnahmen entstanden stets in Schwarz-Weiß, was die Strukturen und Formen ohne die Ablenkung durch Farbe hervorhob. Sie fotografierten immer ohne Menschen, um den Fokus ausschließlich auf die Architektur zu legen. Ihr Blickwinkel war objektiv und frontal, oft aus einer leicht erhöhten Position, um das gesamte Gebäude zu erfassen. Sie bereisten weite Teile Europas (Deutschland, Belgien, Frankreich, Großbritannien) und Nordamerikas (USA, Kanada), um die Vielfalt dieser Bauten zu dokumentieren.

Ihre Arbeitsweise: Typologien und Grids

Das Markenzeichen der Bechers ist ihre Präsentationsweise: die Typologien. Sie zeigten ihre Fotografien nicht als einzelne Kunstwerke, sondern gruppierten Bilder ähnlicher Strukturen in Reihen oder Rastern (Grids) von sechs, neun oder fünfzehn Bildern. Diese Anordnung lud den Betrachter ein, die verschiedenen Beispiele desselben Typs – zum Beispiel verschiedene Wassertürme aus unterschiedlichen Regionen und Zeiten – miteinander zu vergleichen. Durch den Vergleich traten Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Form, Funktion und regionalen Baustilen zutage. Diese systematische Gegenüberstellung verwandelte die einzelnen Fotografien in eine Art wissenschaftliche Klassifizierung oder Inventur, ähnlich der Arbeit eines Botanikers oder Zoologen.

Fotografie oder Skulptur?

Ein faszinierender Aspekt der Arbeit der Bechers ist die Frage nach ihrer Einordnung. Obwohl sie Fotografien schufen, bezeichneten sie die von ihnen abgebildeten Strukturen oft als „anonyme Skulpturen“. Dieser Begriff war auch der Titel ihres wohl bekanntesten Fotobuchs von 1970, das als eine Art enzyklopädisches Inventar industrieller Bauten konzipiert war. Der Titel spielt auf Marcel Duchamps Readymades an und deutet an, dass die Bechers diese Industriebauten als gefundene, vorgefundene „Skulpturen“ betrachteten. Ihre Fähigkeit, die skulpturalen Qualitäten der Architektur herauszuarbeiten, führte sogar dazu, dass sie 1990 auf der Biennale von Venedig nicht in der Kategorie Fotografie, sondern in der Kategorie Skulptur ausgezeichnet wurden. Dies unterstreicht, wie sehr ihr Werk die Grenzen zwischen den Kunstformen verwischte und das konzeptionelle Element in den Vordergrund stellte.

Die Ausrüstung der Bechers

Um die gewünschte objektive und detailreiche Darstellung zu erreichen, nutzten die Bechers spezifische Kameras und Techniken. Anfangs verwendeten sie eine 6x9cm Kamera. Ab 1961 wechselten sie hauptsächlich zu einer Großformatkamera, einer Plaubel Peco 13x18-Zentimeter (5x7-Zoll) Laufbodenkamera. Diese Kameras ermöglichten eine präzise Kontrolle der Perspektive (Stürzende Linien konnten vermieden werden, sodass die Gebäude senkrecht standen) und eine sehr hohe Bildqualität aufgrund des großen Negativformats. Sie nutzten eine Reihe von Objektiven, von 90mm Weitwinkel bis 600mm Tele, um ähnliche Objekte trotz unterschiedlicher Aufnahmeentfernungen in ähnlicher Größe abzubilden.

Sie arbeiteten ausschließlich mit Schwarz-Weiß-Material, da es ihrer Meinung nach das dreidimensionale Volumen der Strukturen am besten ohne die Ablenkung durch Farbe festhielt. Sie verwendeten anfangs 13x18cm Glasplatten und wechselten um 1970 zu 25 ASA Planfilm. Die Belichtungszeiten waren oft lang, zwischen 10 Sekunden und einer Minute, was eine stabile Kamera (Stativ) und oft windstilles Wetter erforderte. Typischerweise machten sie zwei Aufnahmen pro Ansicht. Die Dunkelkammerarbeit teilten sie sich: Bernd entwickelte die Negative, Hilla übernahm die Abzüge.

Für ihre charakteristischen Aufnahmen mit hellem, oft fast weißem Himmel, fotografierten sie bevorzugt an bewölkten Tagen. Wenn der Himmel blau war, verwendeten sie einen Blaufilter. Oft fotografierten sie auch früh morgens im Frühling oder Herbst, um optimale Lichtbedingungen zu erzielen.

Die „Becher-Schule“ und ihr Vermächtnis

Bernds Lehrtätigkeit an der Kunstakademie Düsseldorf ab 1976 hatte einen enormen Einfluss auf die nachfolgende Generation von Fotografen. Er etablierte die Fotografie als ernstzunehmendes Studienfach an einer Kunstakademie, was zu dieser Zeit ungewöhnlich war. Zu seinen bekanntesten Studenten gehören heute einige der international renommiertesten deutschen Fotografen, die ebenfalls oft in Großformat und mit konzeptionellen Ansätzen arbeiten, wenn auch mit anderen Themen und oft in Farbe. Dazu zählen:

  • Andreas Gursky
  • Thomas Ruff
  • Thomas Struth
  • Candida Höfer
  • Axel Hütte
  • Elger Esser

Diese Fotografen, die oft unter dem Begriff „Becher-Schule“ zusammengefasst werden, übernahmen nicht notwendigerweise die Motive ihrer Lehrer, aber viele ihrer methodischen Prinzipien: die serielle Arbeitsweise, die konzeptionelle Strenge, die objektive Darstellung und die Auseinandersetzung mit Architektur und dem Raum. Das Vermächtnis der Bechers liegt somit nicht nur in ihrem beeindruckenden Archiv industrieller Bauten, sondern auch in der Prägung einer ganzen Generation von Künstlern, die das Potenzial der Fotografie als konzeptuelles Medium weiterführten.

Wann ist ein Becher ein Becher?
Im Kaffeeservice sind Tassen kleine, flache Trinkgefäße mit 125 ml. Solche werden auch als Schale bezeichnet. Große, hohe Tassen mit einem Fassungsvermögen von 250 ml oder mehr gelten auch als Becher oder Häferl.

Neben ihrem künstlerischen und pädagogischen Einfluss trugen die Bechers auch zum Bewusstsein für den Wert der Industriearchitektur bei. Auf ihre Initiative hin wurde beispielsweise die Zeche Zollern II/IV in Dortmund-Bövinghausen unter Denkmalschutz gestellt.

Was Kritiker sagten

Die Arbeit der Bechers wurde von Kritikern hoch gelobt und unterschiedlich interpretiert:

  • Sean O’Hagan (The Guardian) verglich ihre Herangehensweise mit der eines Botanikers, der Flora und Fauna katalogisiert. Er bemerkte auch ein unterschwelliges Gefühl von Verlust und Melancholie in den Bildern, da sie eine verschwundene Welt dokumentieren.
  • Michael Collins (The Long Look) bezeichnete die Fotografien als „Porträts unserer Geschichte“, die bleiben, auch wenn die Strukturen längst abgerissen und verschwunden sind.

Diese Zitate unterstreichen die doppelte Natur ihres Werkes: einerseits die strenge, fast wissenschaftliche Dokumentation, andererseits die emotionale Resonanz, die sich aus dem Bewusstsein des Verschwindens dieser „anonymen Skulpturen“ ergibt.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Warum fotografierten die Bechers nur in Schwarz-Weiß?

Sie wählten Schwarz-Weiß, um sich auf die Form, Struktur und das Volumen der Gebäude zu konzentrieren, ohne die Ablenkung durch Farbe. Schwarz-Weiß entsprach auch ihrem dokumentarischen, objektiven Ansatz und war zur damaligen Zeit (besonders für ihr großformatiges Arbeiten) oft praktischer und zuverlässiger.

Warum sind auf ihren Fotos keine Menschen zu sehen?

Der Fokus der Bechers lag ausschließlich auf der Architektur als skulpturalem Objekt. Die Anwesenheit von Menschen hätte die Aufmerksamkeit vom Bauwerk abgelenkt und eine narrative oder menschliche Dimension hinzugefügt, die nicht ihrer objektiven, typologischen Herangehensweise entsprach.

Was bedeutet „Typologie“ im Zusammenhang mit den Bechers?

Eine Typologie bezeichnet bei den Bechers eine Gruppe von Fotografien, die ähnliche Objekte desselben Typs (z.B. Wassertürme) zeigen, systematisch nebeneinander angeordnet (oft in einem Raster), um Vergleiche ihrer Formen, Funktionen und regionalen Variationen zu ermöglichen.

Welche Kameras verwendeten Bernd und Hilla Becher?

Nach anfänglicher Arbeit mit einer 6x9cm Kamera nutzten sie hauptsächlich eine Großformatkamera, eine Plaubel Peco 13x18-Zentimeter (5x7-Zoll) Laufbodenkamera, die ihnen eine präzise Kontrolle über die Perspektive und hohe Detailgenauigkeit ermöglichte.

Wie beeinflussten die Bechers die Fotografie?

Sie prägten die konzeptionelle Fotografie maßgeblich, etablierten die systematische, serielle Arbeitsweise als künstlerisches Prinzip, lenkten die Aufmerksamkeit auf die Ästhetik der Industriearchitektur und begründeten mit der „Becher-Schule“ eine der wichtigsten Richtungen der zeitgenössischen deutschen Fotografie, die zahlreiche international erfolgreiche Künstler hervorbrachte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Bernd und Hilla Becher nicht nur Archivare einer vergangenen Industrielandschaft waren, sondern Visionäre, die das Potenzial der Fotografie als Werkzeug für konzeptionelle Kunst und systematische Dokumentation erkannten. Ihre Typologien von Industriearchitektur in Schwarz-Weiß bleiben ein einzigartiges und kraftvolles Zeugnis ihrer künstlerischen Partnerschaft und ihres unermüdlichen Blicks für die oft übersehene Schönheit der funktionalen Form.

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Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

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