Die Geschichte des jüdischen Lebens in der Schweiz ist eine Erzählung von Beständigkeit, Herausforderungen und schliesslich der Eingliederung in die Gesellschaft. Sie reicht weit zurück und zeigt, wie sich eine kleine, aber widerstandsfähige Gemeinschaft über Jahrhunderte hinweg behauptete, oft unter schwierigen Umständen. Ihre Präsenz hat die kulturelle und soziale Landschaft des Landes auf subtile Weise mitgeprägt.

Heute ist die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz zwar klein, aber aktiv und vielfältig. Mit etwas mehr als 20'000 Mitgliedern, was ungefähr 0,4 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht, stellt die Schweiz die zehntgrösste jüdische Gemeinde Europas dar. Die genaue Zahl ist schwer zu bestimmen, da die Definition von „jüdisch“ variieren kann. Die Mehrheit dieser Gemeinschaft lebt in den grossen Städten wie Zürich, Genf und Basel, und etwa 80 % besitzen die Schweizer Staatsbürgerschaft. Das Jüdische Museum der Schweiz in Basel, gegründet 1966, war das erste seiner Art im deutschsprachigen Raum nach dem Zweiten Weltkrieg und zeugt von der langen Geschichte und dem kulturellen Erbe dieser Gemeinschaft.
Anfänge: Von der Römerzeit bis ins Mittelalter
Erste Hinweise auf die Anwesenheit von Juden im Gebiet der heutigen Schweiz stammen aus dem 4. Jahrhundert. Archäologische Funde, wie ein Fingerring mit einer Menora, der in Augusta Raurica gemacht wurde, deuten darauf hin, dass erste Juden möglicherweise mit den Römern in diese Region kamen. Ob es sich dabei um durchreisende Händler, Souvenirs oder gar etablierte jüdische Familien oder Gemeinden handelte, lässt sich anhand der spärlichen Funde nicht eindeutig klären.
Sicherer sind die Belege ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Archäologische Nachweise in Genf zeigen jüdische Siedlertätigkeit. Im 13. Jahrhundert entstanden in vielen Schweizer Städten jüdische Gemeinden. Zu den bedeutendsten zählten jene in Basel (bezeugt 1213), Luzern (1252), Bern (1262), St. Gallen (1268), Winterthur (vor 1270), Zürich (1273), Schaffhausen (1278), Zofingen und Bischofszell (1288), Rheinfelden (1290), Genf (1281), Montreux und Lausanne.
In dieser Zeit, dem Mittelalter, waren Juden zunehmend Verfolgungen ausgesetzt. Oft basierten diese auf falschen Beschuldigungen, wie der Ritualmordlegende. Ein trauriges Beispiel ist Bern im Jahr 1293, wo ein Jude namens Jöly (Joel) beschuldigt wurde, einen christlichen Knaben ermordet zu haben. Er wurde hingerichtet, der jüdische Friedhof zerstört und die gesamte jüdische Gemeinde aus der Stadt vertrieben. Der Knabe wurde später als Rudolf von Bern als Märtyrer verehrt.
Verfolgung und Vertreibung: Die Pestzeit
Die wohl dunkelste Periode im Mittelalter war die Zeit der grossen Pestepidemien Mitte des 14. Jahrhunderts. Als die Schwarze Tod ab 1348 ganz Europa heimsuchte, wurden die Juden vielerorts zu Sündenböcken gemacht. Sie wurden beschuldigt, die Brunnen vergiftet zu haben. Dies führte zu grausamen Massakern und Vertreibungen in vielen Städten, darunter auch in Bern, Solothurn, Basel und Zürich. Die überlebende jüdische Bevölkerung wurde des Landes verwiesen.
Diese Verfolgungen und Vertreibungen hatten zur Folge, dass es in der Schweiz bis ins 19. Jahrhundert hinein kaum noch jüdisches Leben gab. Nur in sehr begrenzten Gebieten und unter strengen Auflagen war ihnen die Ansiedlung gestattet. Kleinere Wiederansiedlungen in der Folgezeit wurden oft durch erneute Ritualmordvorwürfe oder andere Diskriminierungen zunichtegemacht.
Eingrenzung und Sonderstatus: Endingen und Lengnau
Eine bedeutende Ausnahme bildeten ab dem frühen 17. Jahrhundert die beiden aargauischen Dörfer Endingen und Lengnau in der Gemeinen Herrschaft Baden. Nahe der wichtigen Zurzacher Messe gelegen, wurde Juden hier unter einem «teuren» Sonderstatut der Wohnsitz erlaubt. Dieses Statut, letztmals 1776 von der Tagsatzung beschlossen, beschränkte den Wohnsitz der jüdischen Bevölkerung auf diese beiden Dörfer.
Ende des 18. Jahrhunderts lebte fast die gesamte jüdische Bevölkerung der Schweiz, etwa 553 Personen, in Endingen und Lengnau. Trotz der Duldung waren die Juden hier starken rechtlichen Einschränkungen unterworfen. Verordnungen regelten detailliert ihren Handel, zum Beispiel, dass Vieh nur auf offenen Märkten und nicht direkt beim Bauern gekauft oder verkauft werden durfte – Regeln, die für Christen nicht galten. Grunderwerb war ihnen verboten, was bedeutete, dass sie weder Landwirtschaft betreiben noch einen eigenen Friedhof anlegen durften. Ein Friedhof wurde schliesslich 1689 auf einer gepachteten Insel im Rhein bei Koblenz angelegt, bevor nach 1750 ein eigener jüdischer Friedhof zwischen Endingen und Lengnau eingerichtet werden konnte.

In diesen «Judendörfern» entwickelte sich dennoch ein reges Gemeindeleben mit eigenen Synagogen. Es gab sogar kulturellen Austausch mit der nichtjüdischen Bevölkerung, die Ausdrücke aus dem Jiddischen übernahm. Johann Caspar Ulrich, ein Zürcher Pfarrer, dokumentierte vieles über das Schweizer Judentum dieser Zeit in seiner Sammlung «Jüdischer Geschichten» (1768). Die eidgenössische Tagsatzung von 1776 bestätigte die Wohnsitzbeschränkung, erlaubte aber in sehr engem Rahmen den Hausbesitz.
Der Weg zur Gleichberechtigung im 19. Jahrhundert
Die Helvetische Republik (1798-1803), die nach dem Einmarsch der Franzosen entstand, trieb zwar die Idee der Emanzipation voran, setzte sie aber nicht umfassend durch. Die Situation der Schweizer Juden verbesserte sich nur marginal.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Lage der Schweizer Juden zunehmend paradox. Während andere europäische Staaten, wie Frankreich, sich für die Rechte ihrer jüdischen Bürger einsetzten, blieben Juden in der Schweiz zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt. Die Bundesverfassung von 1848 gewährte Niederlassungs- und Kultusfreiheit sowie Gleichheit im Gerichtsverfahren nur für christliche Schweizer Bürger.
Der entscheidende Schritt zur Verbesserung ihrer Situation war die Teilrevision der Bundesverfassung im Jahr 1866. Mit diesem Entscheid wurden den Juden in der Schweiz die Niederlassungsfreiheit und die volle Ausübung der Bürgerrechte gewährt. Die vollständige rechtliche Gleichstellung auf ortsbürgerlicher Ebene, zum Beispiel in Endingen und Lengnau, liess im Kanton Aargau jedoch noch bis 1879 auf sich warten.
Trotz der rechtlichen Gleichstellung blieb Antisemitismus in der Schweiz präsent. Dies zeigte sich unter anderem in der 1893 angenommenen Eidgenössischen Volksinitiative «für ein Verbot des Schlachtens ohne vorherige Betäubung», die sich gegen die jüdische Schächtpraxis richtete und von breiten antijüdischen Kreisen unterstützt wurde.
Eine wichtige internationale Begebenheit mit Bezug zur Schweiz war die Dreyfus-Affäre in Frankreich ab 1894. Sie inspirierte Theodor Herzl zu seinem Buch «Der Judenstaat» (1896) und zur Gründung des Zionismus. Der erste Zionistische Weltkongress fand 1897 in Basel statt, nicht zuletzt dank des Engagements des Zürcher Nationalrats David Farbstein. Basel wurde zum wichtigsten Tagungsort für den Zionismus vor der Staatsgründung Israels 1948.
Das 20. Jahrhundert und die Gegenwart
Im frühen 20. Jahrhundert organisierten sich die jüdischen Gemeinden in der Schweiz. 1904 wurde der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) als Dachverband gegründet, um die allgemeinen Interessen des Judentums in der Schweiz zu wahren und zu vertreten. Mit der Emanzipation zogen viele Juden vom Land in die Städte, und die jüdische Bevölkerung wuchs. Gemeinden wurden gegründet, Synagogen gebaut und Vereine ins Leben gerufen.
Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus ab 1933 geriet die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz unter Druck. Die Schweiz verfolgte eine restriktive Asylpolitik gegenüber jüdischen Flüchtlingen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden mindestens 30'000 Personen, darunter viele Juden, an den Schweizer Grenzen abgewiesen. Ab 1939 wurden auf Veranlassung der Schweiz in Deutschland die Pässe von Juden mit einem roten «J»-Stempel markiert, um ihre Einreise in die Schweiz zu erschweren. Der Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen (VSJF) betreute die Flüchtlinge, die es dennoch in die Schweiz schafften.
Erst in den 1990er Jahren setzte eine intensive Aufarbeitung der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg ein, unter anderem durch den Bergier-Bericht. 1995 entschuldigte sich der Bundesrat erstmals für die Praxis gegenüber jüdischen Asylsuchenden während des Krieges. Bundespräsident Kaspar Villiger sagte damals: «Wir können uns nur verneigen vor jenen, die unsertwegen Leid und Gefangenschaft erlitten haben.»
Nach 1945 bauten die Gemeinden ihre Infrastruktur aus und erweiterten ihr Angebot über Gottesdienste und Religionsunterricht hinaus um Tagesschulen, Bibliotheken und kulturelle Veranstaltungen. Die Israelitische Gemeinde Basel (IGB) wurde 1972 als erste jüdische Gemeinde in der Schweiz als öffentlich-rechtliche Körperschaft anerkannt. 1980 wurde der Basler Verlag Morascha gegründet.

1999 wurde Ruth Dreifuss als erste Frau und erste Jüdin zur Bundespräsidentin gewählt. 2003 entstand die Plattform der Liberalen Juden der Schweiz (PLJS). Auch der New Israel Fund (Schweiz) setzt sich für liberale Werte ein.
Im 21. Jahrhundert schrumpfen die jüdischen Gemeinden in der Schweiz, insbesondere ausserhalb der grossen Zentren Basel, Genf und Zürich. Gründe sind die Assimilation in der Schweizer Mehrheitsgesellschaft, Emigration nach Israel und in die USA sowie die Binnenmigration in die Grossstädte. Gemeinden wie in Kreuzlingen, Pruntrut, Yverdon-les-Bains, Avenches, Davos und Delsberg wurden aufgelöst.
Eine Umfrage von 2022 zeigte die Verbreitung von Stereotypen gegenüber Juden in der Schweiz. Häufiger erfüllten Personen aus dem rechten politischen Spektrum und ältere Personen Kriterien für Antisemitismus. Auch unter Muslimen wurden jüdische Feindbilder häufiger gefunden, wobei die Forscher betonten, dass politische Einstellung und Herkunftsländer wichtiger seien als religiöse Zugehörigkeit.
Das Judentum: Ursprünge und Verbreitung
Das Judentum hat seine Ursprünge im Nahen Osten, begründet von den Stämmen Israels. Obwohl die jüdische Bevölkerung im Vergleich zu anderen Weltreligionen klein ist – weltweit etwa 15 Millionen Menschen –, ist das Judentum eine der ältesten monotheistischen Religionen und Ausgangspunkt für Christentum und Islam.
Im Judentum gibt es keine zentrale klerikale Hierarchie wie in der katholischen Kirche. Stattdessen gibt es Rabbiner, gelehrte und fromme Personen, die als Gemeindevorsteher dienen und in religiösen und alltäglichen Fragen beraten.
Die Heilige Schrift des Judentums ist der Tanach, bestehend aus Thora (Weisung), Nebi'im (Propheten) und Ketubim (Schriften). Dazu kommt der Talmud, die rabbinische Auslegung der Thora. Die Thora, insbesondere die fünf Bücher Mose, ist die zentrale Quelle des jüdischen Lebens und wird mit grosser Ehrfurcht behandelt. Orthodoxe Juden glauben, dass die Thora die wörtlichen Worte Gottes sind, die Moses am Berg Sinai empfing.
Die Frage, wer Jude ist, wird auch innerhalb des Judentums diskutiert. Traditionell ist Jude, wer eine jüdische Mutter hat. Ein Übertritt (Konversion) ist unter bestimmten Bedingungen möglich. Das Judentum ist nicht nur eine Religionsgemeinschaft, sondern auch ein Volk. Nach Jahrhunderten ohne eigenen Staat wurde 1948 der Staat Israel gegründet. Heute leben die grössten jüdischen Populationen in den USA (knapp sechs Millionen) und in Israel (mehr als fünf Millionen). In Deutschland leben etwa 100.000 Juden.
Die geringe Expansion der jüdischen Bevölkerung ist teilweise darauf zurückzuführen, dass Juden traditionell nicht missionieren. Ein weiterer, tragischer Grund ist die systematische Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus, bekannt als Holocaust oder Shoah, bei der etwa sechs Millionen Juden ermordet wurden.

Fragen und Antworten zur Geschichte der Juden in der Schweiz
Frage: Wann kamen die ersten Juden in das Gebiet der heutigen Schweiz?
Antwort: Erste Hinweise auf die Anwesenheit von Juden stammen aus dem 4. Jahrhundert in Augusta Raurica, möglicherweise mit den Römern. Archäologisch sicherer ist die Siedlertätigkeit ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Genf.
Frage: Wo durften Juden in der Alten Eidgenossenschaft leben?
Antwort: Seit dem frühen 17. Jahrhundert war der Wohnsitz der Juden auf die beiden aargauischen Dörfer Endingen und Lengnau beschränkt, unter einem speziellen Statut. Es gab Ausnahmen in der Westschweiz, z.B. in La Chaux-de-Fonds und Carouge.
Frage: Wann erhielten Juden in der Schweiz die Gleichberechtigung?
Antwort: Mit der Teilrevision der Bundesverfassung im Jahr 1866 erhielten die jüdischen Staatsbürger der Schweiz die Niederlassungsfreiheit und die volle Ausübung der Bürgerrechte.
Frage: Wie viele Juden leben heute in der Schweiz?
Antwort: Heute leben etwas mehr als 20'000 Juden in der Schweiz. Die Mehrheit konzentriert sich auf die Grossstädte Zürich, Genf und Basel.
Frage: Was passierte mit jüdischen Flüchtlingen im Zweiten Weltkrieg an den Schweizer Grenzen?
Antwort: Während des Zweiten Weltkriegs wurden an den Schweizer Grenzen mindestens 30'000 Personen abgewiesen, darunter viele Juden. Ab 1939 wurden Pässe von Juden in Deutschland auf Schweizer Veranlassung mit einem «J» markiert. Die Schweiz entschuldigte sich 1995 für diese Praxis.
Frage: Wo hat das Judentum seinen Ursprung?
Antwort: Das Judentum hat seinen Ursprung im Nahen Osten mit den Stämmen Israels.
Frage: Wie viele Juden leben weltweit?
Antwort: Weltweit leben gegenwärtig etwa 15 Millionen Juden.
Frage: Was ist die Thora im Judentum?
Antwort: Die Thora ist die zentrale Heilige Schrift des Judentums, umfassend die fünf Bücher Mose, und gilt als Quelle des jüdischen Lebens.
Hat dich der Artikel Jüdisches Leben in der Schweiz: Eine Geschichte interessiert? Schau auch in die Kategorie Ogólny rein – dort findest du mehr ähnliche Inhalte!
