Die Neue Nationalgalerie in Berlin ist nicht nur ein architektonisches Meisterwerk, sondern auch ein Spiegelbild der bewegten deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, eingefangen in ihrer beeindruckenden Kunstsammlung. Sie beherbergt eine der bedeutendsten Sammlungen moderner Kunst und zieht Besucher aus aller Welt an, die die Entwicklung der Kunst von der frühen Moderne bis zur Gegenwart erleben möchten. Doch welche Schätze verbergen sich hinter der ikonischen Stahl-Glas-Fassade, und wie ist diese einzigartige Sammlung entstanden?
Die Geschichte der Sammlung der Neuen Nationalgalerie ist untrennbar mit den politischen Umbrüchen in Deutschland verbunden. Insbesondere die Zeit des Nationalsozialismus hinterließ tiefe Wunden. Die Nationalgalerie war eines der Museen, das unter dem Terrorregime die größten Verluste erlitt. Zwischen 1937 und 1945 wurden über 500 Werke der Sammlung beschlagnahmt, als „entartete Kunst“ diffamiert, verkauft oder gingen während des Zweiten Weltkriegs verloren. Dieser massive Aderlass prägte die Ausgangslage für den Wiederaufbau nach 1945.

Wiederaufbau der Sammlung im geteilten Deutschland
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Teilung Deutschlands nahmen die Museen in Ost- und West-Berlin unterschiedliche Wege beim Wiederaufbau ihrer Bestände. Im Westteil der Stadt konzentrierte sich die neu gegründete „Galerie des 20. Jahrhunderts“ auf den Erwerb jener Kunst, die von den Nationalsozialisten verfolgt und beschlagnahmt worden war – die Klassische Moderne. Dies war ein bewusster Akt der Wiedergutmachung und der Wiederanbindung an die internationalen Kunstströmungen.
Mit der Eröffnung der Neuen Nationalgalerie im Jahr 1968 stand der erste Gründungsdirektor, Werner Haftmann, vor der komplexen Aufgabe, die verbliebenen oder zurückgekehrten Werke der alten Nationalgalerie mit den Neuerwerbungen der „Galerie des 20. Jahrhunderts“ zu vereinen und die Sammlung durch weitere Käufe zu erweitern. Haftmann, dessen Rolle in der NS-Zeit heute kritisch wissenschaftlich untersucht wird, prägte maßgeblich die Rezeption der Kunst des 20. Jahrhunderts in der Bundesrepublik. Durch wechselnde Ausstellungen in der beeindruckenden oberen Halle etablierte er das Haus schnell als ein kulturelles Zentrum West-Berlins.
Sein Nachfolger, Dieter Honisch, übernahm ab 1975 die Leitung und widmete sich dem Schließen von Sammlungslücken und der Hinwendung zur zeitgenössischen Kunst. Honisch richtete den Fokus auf internationale Bewegungen, die in Deutschland bisher weniger stark vertreten waren, wie ZERO, Nouveau Réalisme, Arte Povera und Farbfeldmalerei. Seine Amtszeit bis 1997 war geprägt von bedeutenden Ankäufen, darunter Werke von Lee Bontecou, Ellsworth Kelly, Louise Nevelson, Bridget Riley, Mark Rothko, Frank Stella und Barnett Newmans monumentales Gemälde „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue IV“. Honisch gründete 1977 auch den Verein der Freunde der Nationalgalerie neu, der bis heute eine wichtige Rolle bei der Finanzierung von Ankäufen und Ausstellungen spielt. Eine wichtige Schenkung im Jahr 1992, die des Münchner Galeristen Otto van de Loo, bereicherte die Sammlung um Werke der expressiven Malerei der Künstlergruppen Cobra und Spur.

Die Sammlung nach der Wiedervereinigung
Die deutsche Wiedervereinigung im Jahr 1990 führte zu einer grundlegenden Neuordnung der Berliner Nationalgalerie. Die Bestände des 19. Jahrhunderts, die zwischenzeitlich ebenfalls in der Neuen Nationalgalerie gezeigt worden waren, kehrten an ihren ursprünglichen Ort auf der Museumsinsel zurück, in das heutige Alte Nationalgalerie genannte Stammhaus. Für die Kunst nach 1960 wurde 1996 ein eigener Standort geschaffen: der Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart.
Die Neue Nationalgalerie erhielt im Zuge dieser Neuordnung wichtige Bestände aus der ehemaligen Nationalgalerie der DDR in Ost-Berlin. Darunter befanden sich zahlreiche Hauptwerke der Klassischen Moderne, die im Osten anders gesammelt worden waren. Ein zentraler Sammlungsschwerpunkt der Neuen Nationalgalerie wurde dadurch die Malerei des Expressionismus. Werke von Künstlern wie Ernst Ludwig Kirchner, Otto Mueller, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und Emil Nolde bilden heute einen herausragenden Bestandteil der Sammlung. Ergänzt wird dieser Bereich durch Arbeiten von Kurt Schwitters und Hannah Höch (Dada), Natalia Gontscharowa (russische Avantgarde) und Reneé Sintenis (Skulptur). Die politische Kunst von Otto Dix und George Grosz sowie die Werke von Max Beckmann vervollständigen das Bild dieser vielschichtigen frühen Moderne in Deutschland, einer Zeit tiefgreifenden politischen und sozialen Wandels.
Ein weiterer wichtiger Sammlungsbereich, der nach dem Mauerfall hinzukam, ist die Kunst der DDR. Während die Nationalgalerie (West) die Klassische Moderne und internationale Nachkriegskunst sammelte, hatte die Nationalgalerie (Ost) über vierzig Jahre lang gezielt Kunst der DDR dokumentiert. Diese Sammlung umfasst Werke ihrer bekanntesten Vertreter wie Werner Tübke, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer, aber auch Arbeiten von Künstlern wie Harald Metzkes, Walter Libuda und Werner Stötzer. Durch die Zusammenführung dieser Bestände verfügt die Neue Nationalgalerie heute über einen qualitativ einzigartigen Überblick über die künstlerische Produktion im geteilten Deutschland.

Welche Kunst wird ausgestellt? Schwerpunkte der Sammlung
Die ständige Sammlung der Neuen Nationalgalerie präsentiert Kunst des 20. Jahrhunderts mit Schwerpunkten auf der Zeit von der Klassischen Moderne bis in die 1960er Jahre sowie ausgewählten Werken der DDR-Kunst. Die Ausstellungsbereiche im Untergeschoss widmen sich verschiedenen Strömungen und Künstlern:
- Kubismus: Werke von Künstlern wie Pablo Picasso, Juan Gris, Fernand Léger und Henri Laurens zeigen die Entwicklung dieser revolutionären Kunstrichtung, die traditionelle Darstellungsweisen aufbrach.
- Expressionismus: Ein herausragender Bestand mit Arbeiten der Brücke-Künstler (Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff, Mueller) und des Blauen Reiters (Kandinsky, Marc) sowie weiterer Expressionisten wie Emil Nolde. Diese Werke spiegeln die intensiven Gefühle und den Ausdruck innerer Zustände wider.
- Bauhaus: Arbeiten, die den Einfluss der wegweisenden Kunstschule des Bauhauses zeigen, die Kunst, Handwerk und Technologie vereinte.
- Surrealismus: Werke, die das Unbewusste und Traumhafte erkunden.
- Kunst nach 1945: Hierzu zählen unter anderem die oben erwähnten Werke von ZERO, Nouveau Réalisme, Arte Povera und Farbfeldmalerei sowie wichtige Positionen der amerikanischen Nachkriegskunst.
- Kunst der DDR: Eine repräsentative Auswahl von Werken, die die Vielfalt und die Besonderheiten der Kunstproduktion in der Deutschen Demokratischen Republik dokumentieren.
Die Obere Halle des Museums wird hauptsächlich für großformatige Wechselausstellungen genutzt, die aktuelle Themen oder spezifische Künstlerpositionen beleuchten und das Programm des Hauses dynamisch halten.
Das Gebäude: Ein Meisterwerk von Mies van der Rohe
Neben der Sammlung ist das Gebäude selbst ein zentrales Exponat. Die Neue Nationalgalerie wurde von dem berühmten Architekten Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969) entworfen und gilt als eines seiner Hauptwerke und als Ikone der modernen Architektur des 20. Jahrhunderts. Es war eines seiner letzten Projekte und sein einziger Bau in Deutschland nach seiner Emigration in die USA.
Mies van der Rohes architektonisches Schaffen war lebenslang von dem Streben nach einem möglichst stützenfreien, offenen Raum geprägt, bei dem die Grenzen zwischen Innen und Außen fließend sind. Sein radikales Entwurfsprinzip, das er seit den 1920er Jahren verfolgte, manifestiert sich eindrucksvoll in der Neuen Nationalgalerie. Die Obere Halle, eine fast stützenfreie Glashalle, schwebt auf einem massiven Sockel aus Granit. Dieser Sockel beherbergt die Ausstellungsräume für die ständige Sammlung, während die Halle selbst als flexibler Raum für Veranstaltungen und große Wechselausstellungen konzipiert ist. Klarheit, Reduktion auf das Wesentliche und die sichtbare Inszenierung der Konstruktion bei gleichzeitiger Verwendung hochwertiger Materialien kennzeichnen Mies' Stil und prägen das Erscheinungsbild des Museums.

Die Bauzeit der Neuen Nationalgalerie war von 1965 bis 1968. Nach Jahrzehnten intensiver Nutzung war eine umfassende Sanierung notwendig. Diese wurde von 2015 bis 2021 unter der Leitung des Architekten David Chipperfield durchgeführt. Das Motto der Sanierung lautete „So viel Mies wie möglich“. Ziel war es, das Gebäude denkmalgerecht instand zu setzen, technische Infrastrukturen zu modernisieren, aber dabei die ursprüngliche architektonische Vision Mies van der Rohes maximal zu erhalten und wiederherzustellen. Details wie Bodenfliesen, Deckenelemente und Leuchten wurden sorgfältig restauriert oder originalgetreu ersetzt.
Die Baugeschichte und das Wirken Mies van der Rohes werden in der Neuen Nationalgalerie selbst thematisiert, unter anderem durch die Präsentation von Originalzeichnungen, Modellen und historischen Fotos. Dies ermöglicht Besuchern, die architektonische Bedeutung des Hauses noch besser zu verstehen.
Häufig gestellte Fragen
- Welche Kunstwerke sind die bekanntesten in der Sammlung der Neuen Nationalgalerie?
- Die Sammlung umfasst zahlreiche Hauptwerke. Zu den bekanntesten gehören Werke des Expressionismus von Kirchner, Nolde oder Schmidt-Rottluff, Arbeiten der Klassischen Moderne von Dix und Grosz, aber auch internationale Nachkriegskunst wie Barnett Newmans „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue IV“ oder Werke von Mark Rothko.
- Welche Epochen der Kunstgeschichte sind in der Neuen Nationalgalerie vertreten?
- Der Schwerpunkt liegt auf der Kunst des 20. Jahrhunderts, beginnend mit der Klassischen Moderne (Expressionismus, Kubismus, Bauhaus, Surrealismus) über die Nachkriegskunst bis hin zur Kunst der DDR. Die Sammlung reicht grob von den Anfängen des 20. Jahrhunderts bis in die 1960er/1970er Jahre, mit ausgewählten Werken der DDR-Kunst aus späterer Zeit.
- Wer hat die Neue Nationalgalerie entworfen?
- Das ikonische Gebäude wurde von dem weltberühmten Architekten Ludwig Mies van der Rohe entworfen.
- Wann wurde das Gebäude der Neuen Nationalgalerie erbaut?
- Die Bauzeit war von 1965 bis 1968.
- Was war das Gebäude der Nationalgalerie vorher?
- Die Neue Nationalgalerie wurde speziell als Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts konzipiert und gebaut. Das Grundstück am Kulturforum war zuvor unbebaut. Das Gebäude hatte keine frühere Nutzung als Museum.
- Wurde die Sammlung der Neuen Nationalgalerie von historischen Ereignissen beeinflusst?
- Ja, sehr stark. Die Beschlagnahmung von Werken durch die Nationalsozialisten und die Teilung Deutschlands mit der Entwicklung getrennter Sammlungen in Ost und West haben die heutige Sammlung maßgeblich geprägt.
Die Neue Nationalgalerie ist somit weit mehr als nur ein Museum. Sie ist ein Ort, der Kunst, Architektur und Geschichte auf einzigartige Weise verbindet. Ein Besuch bietet die Möglichkeit, bedeutende Werke der Moderne zu erleben und gleichzeitig die Geschichte Deutschlands durch die Linse seiner Kunstsammlung und die Vision eines der größten Architekten des 20. Jahrhunderts zu betrachten.
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