Die Welt der Fotografie ist ständig in Bewegung, geprägt von Innovationen und der Weiterentwicklung der Technologie. Im Jahr 2018 betrat Canon mit der Einführung eines völlig neuen Systems die Bühne der spiegellosen Vollformatkameras, um sich im wachstadium dieses Marktes zu positionieren. Dieses neue System wurde als Canon EOS R System bezeichnet, und die Kamera, die dieses System einführte und ihm seinen Namen gab, war die Canon EOS R.

Die Ankündigung der Canon EOS R erfolgte am 5. September 2018, mit der Veröffentlichung am 9. Oktober desselben Jahres. Sie markierte einen historischen Moment für Canon, da sie die erste spiegellose Systemkamera mit wechselbaren Objektiven im Vollformat-Bereich des Unternehmens war. Gleichzeitig war sie die erste Kamera, die das neu entwickelte RF-Bajonett nutzte. Diese Einführung erfolgte nur wenige Tage, nachdem der Konkurrent Nikon seine erste spiegellose Vollformatkamera, die Nikon Z 7, angekündigt hatte. Zu diesem Zeitpunkt war der Konkurrent Sony bereits seit fast fünf Jahren auf dem Markt für spiegellose Vollformatkameras präsent, was den Druck auf Canon erhöhte, ein wettbewerbsfähiges System zu etablieren.
Die Bedeutung hinter dem Namen 'R'
Der Buchstabe „R“ im Namen EOS R ist nicht zufällig gewählt. Er leitet sich vom englischen Ausdruck „Reimagine optical excellence“ ab, was so viel wie „Optische Spitzenleistung neu denken“ bedeutet. Dieses Konzept war Canons leitende Idee bei der Entwicklung sowohl des gesamten EOS R Systems als auch der speziellen EOS R Kamera, die dieses neue System inaugurierte. Es sollte den Anspruch unterstreichen, mit diesem neuen System die Grenzen der optischen Leistung neu zu definieren.
Die Canon EOS R: Ein Blick auf die erste Kamera des Systems
Als erste Kamera des EOS R Systems war die EOS R das Fundament für Canons zukünftige spiegellose Vollformatstrategie. Sie wurde entwickelt, um die Vorteile des neuen RF-Bajonetts voll auszuschöpfen. Die Kamera selbst bot eine Reihe von Funktionen, die zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung sowohl Lob als auch Kritik hervorriefen. Ihre Einführung war entscheidend, um Canons Präsenz in einem schnell wachsenden Marktsegment zu sichern.
Objektive und das vielseitige Adaptersystem
Ein zentrales Element des EOS R Systems ist das RF-Bajonett. Dieses neue Bajonett wurde speziell für spiegellose Kameras entwickelt und ermöglichte neue Objektivkonstruktionen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Canon EOS R waren vier RF-Objektive verfügbar, die die Fähigkeiten des neuen Systems demonstrierten: das Canon RF 35mm F1.8 Macro IS STM, das Canon RF 50mm F1.2 L USM, das Canon RF 24-105mm F4 L IS USM und das Canon RF 28-70mm F2 L USM. Diese ersten Objektive zeigten die Bandbreite des Bajonetts, von kompakten Makro-Optionen bis hin zu lichtstarken L-Serie-Zoomobjektiven.
Darüber hinaus erkannte Canon die Bedeutung, bestehenden EOS-Benutzern einen einfachen Übergang zum neuen System zu ermöglichen. Daher wurden gleichzeitig mit der EOS R verschiedene Mount Adapter eingeführt, die die Verwendung von älteren EF- und EF-S-Objektiven am RF-Bajonett erlauben. Der einfachste Adapter ist der Mount Adapter EF-EOS R, der die grundlegende Verbindung herstellt. Eine weitere Variante ist der Control Ring Mount Adapter EF-EOS R, der einen Steuerring hinzufügt, ähnlich dem, der bei RF-Objektiven zu finden ist. Dieser Ring kann für verschiedene Funktionen wie ISO oder Blende konfiguriert werden. Der innovativste Adapter ist der Drop-In Filter Mount Adapter EF-EOS R, der die Verwendung von Einsteckfiltern wie Zirkularpolarisationsfiltern oder variablen ND-Filtern ermöglicht, selbst bei Objektiven, die normalerweise keine Frontfilter aufnehmen können oder bei denen Filter sehr groß und teuer wären.
Bei der Verwendung von RF- oder EF-Objektiven unterstützt die EOS R den Vollformatmodus sowie verschiedene Beschnitt- und Seitenverhältnismodi: 1,6x (Crop), 1:1 (Seitenverhältnis), 4:3 (Seitenverhältnis) und 16:9 (Seitenverhältnis). Wenn jedoch ein EF-S-Objektiv verwendet wird, wählt die Kamera automatisch den 1,6x Crop-Modus, und die anderen Modi stehen nicht zur Verfügung. Dies ist eine logische Konsequenz, da EF-S-Objektive für Kameras mit APS-C-Sensor konzipiert sind und den kleineren Bildkreis abdecken.
Umfangreiches Zubehör für erweiterte Funktionalität
Die Canon EOS R war mit einer Vielzahl von Zubehörteilen kompatibel, was ihre Vielseitigkeit unterstreicht. Neben den bereits erwähnten Mount Adaptern konnten Canon Speedlite Blitzgeräte, der GP-E2 GPS-Empfänger und das Richtmikrofon DM-E1 verwendet werden. Für die Auslösung ohne direkten Kontakt mit der Kamera gab es den Fernauslöser RS-60E3 und die Funkfernbedienung BR-E1. Der Timer-Fernauslöser TC-80N3 wurde ebenfalls unterstützt, allerdings benötigte er den Remote Controller Adapter RA-E3.
Die Kamera wurde standardmäßig mit einem LP-E6N Akku geliefert und war auch mit den älteren LP-E6 Akkus kompatibel. Später wurde auch die Kompatibilität mit dem neueren LP-E6NH Akku hinzugefügt. Der LP-E6N Akku konnte über den optionalen USB Power Adapter PD-E1 direkt in der Kamera geladen werden, während die anderen Akkutypen extern geladen werden mussten. Hierfür lag der Kamera das Ladegerät LC-E6 (oder LC-E6E) bei. Der optionale Batteriegriff BG-E22 war ein wichtiges Zubehör für Fotografen, die im Hochformat arbeiten oder die Akkulaufzeit verdoppeln wollten. Er bot einen zusätzlichen Griff und Bedienelemente für vertikales Fotografieren und konnte zwei Akkus aufnehmen. Der BG-E22 unterstützte auch das Laden von LP-E6N Akkus über den PD-E1 Adapter, solange sich keine LP-E6 Akkus im Griff befanden. Zudem ermöglichte der Griff den Betrieb der Kamera direkt über das Stromnetz in Kombination mit dem optionalen DC Coupler DR-E6 und AC Adapter AC-E6 oder dem AC Adapter Kit ACK-E6.
Die EOS Ra: Eine spezielle Variante für Astrofotografie
Am 5. November 2019 stellte Canon die EOS Ra vor, eine spezielle Variante der EOS R, die auf die Bedürfnisse von Astrofotografen zugeschnitten war. Physisch war die EOS Ra identisch mit der EOS R, unterschied sich jedoch durch einen modifizierten IR-Sperrfilter. Dieser Filter ließ viermal mehr H-alpha (Hα) Licht passieren, was für die Aufnahme von Gasnebeln und anderen astronomischen Objekten entscheidend ist. Ein weiteres Merkmal der EOS Ra war die Möglichkeit einer 30-fachen digitalen Vergrößerung im Live View (im Vergleich zur 10-fachen Vergrößerung der Standard-EOS R). Diese höhere Vergrößerung erleichterte das präzise Scharfstellen auf schwache Sterne, was in der Astrofotografie von großer Bedeutung ist. Die Produktion der EOS Ra wurde Berichten zufolge Ende 2021 eingestellt, aber sie bleibt bis Januar 2028 reparaturfähig.
Rezeption und Kritik nach der Einführung
Die Einführung der Canon EOS R wurde von der Fachwelt und den Nutzern mit großem Interesse, aber auch mit erheblicher Kritik aufgenommen. Insbesondere das Fehlen bestimmter erwarteter Funktionen führte in Online-Foren, YouTube-Videos und Blogs zu teils hitzigen Diskussionen. Hauptkritikpunkte waren das Fehlen von zwei Speicherkartenslots, die fehlende Möglichkeit, 4K-Videos ohne Crop aufzunehmen (Full-frame 4K), und vor allem das Fehlen einer kamerainternen Bildstabilisierung, auch bekannt als IBIS (In-Body Image Stabilization).
In praktischen Tests schnitt die Canon EOS R im Vergleich zu zeitgenössischen spiegellosen Kameras der Konkurrenz oft schlechter ab. Digital Photography Review (DPR) vergab der EOS R eine Punktzahl von 80 % und verglich sie ungünstig mit Kameras wie der Nikon Z 6 und der Sony α7 III, die beide 89 % erhielten. DPR lobte die neuen Canon RF-Objektive als „einfach spektakulär“ sowie die Bildqualität und die Autofokusgenauigkeit der EOS R. Sie bemängelten jedoch, dass Konkurrenzkameras bessere Videofunktionen, einen größeren Dynamikumfang und schnellere Serienbildraten boten.
Auch Photography Life vergab der EOS R nur einen Silver Award und eine Punktzahl von 4,1 von 5. Sie sahen die EOS R hinter den meisten Wettbewerbern zurückfallen und verglichen sie erneut ungünstig mit der Nikon Z 6 (Gold Award, 4,8 von 5) und der Sony α7 III (Gold Award, 4,6 von 5). Gelobt wurden jedoch die Autofokusgeschwindigkeit und die Bilddetails der EOS R sowie der Touchscreen, der Griff und das robuste Gefühl.
Camera Labs vergab der EOS R keine „Camera Labs Recommended“ Auszeichnung und nur 3,5 von 5 Punkten. Sie befanden, dass die EOS R ansprechende Fotos liefert und lobten den Sucher sowie den schwenkbaren Bildschirm. Sie argumentierten jedoch, dass die EOS R in den meisten Bereichen von der Sony α7 III geschlagen wird, die 4,5 von 5 Punkten erhielt und die Auszeichnung „Camera Labs Highly Recommended“ bekam.

DxOMark bewertete den Sensor der Canon EOS R und vergab eine Punktzahl von 89. Sie stellten fest, dass diese Punktzahl knapp hinter der Nikon Z 6 (95) und der Sony α7 III (96) liegt, merkten aber auch an, dass die Dual Pixel Architektur des Canon Sensors seine Leistung wahrscheinlich begrenzt.
Ein weiterer Kritikpunkt bei der ursprünglichen Veröffentlichung war die Genauigkeit des Augen-/Gesichtserkennungs-Autofokus im Vergleich zu Sony-Kameras. Canon adressierte dies jedoch mit der Firmware-Version 1.4.0, die deutliche Verbesserungen bei der Augenerkennung brachte. Nach diesem Firmware-Update wurde der Augen-/Gesichtserkennungs-Autofokus als stark verbessert angesehen und schloss die Lücke zu den Sony-Kameras fast vollständig.
Die innovative Multi-function Bar, eine berührungsempfindliche Leiste zur Steuerung verschiedener Einstellungen, wurde von Kritikern weitgehend abgelehnt. Sie wurde als „überflüssig“, „mysteriös“, „unpraktisch in der Anwendung“ und als „Fehlversuch“ bezeichnet. Canon hat die Multi-function Bar bei neueren RF-Bajonett-Kameras wie der EOS RP, EOS R5 oder EOS R6 nicht mehr integriert, was ihre mangelnde Akzeptanz unterstreicht.
Das Ende einer Ära: Einstellung der Produktion
Berichten zufolge wurde die Produktion der EOS R im Juni 2023 eingestellt. Viele Canon-Websites haben die EOS R in die Kategorie „eingestellt“ verschoben. Auf der „EOS R System“-Seite der Canon USA Website wird das ursprüngliche EOS R Modell nicht mehr aufgeführt und erscheint stattdessen auf der Seite für „EOS-Produkte, die nicht mehr produziert werden“. Trotz der Einstellung der Produktion bleibt die EOS R bis November 2029 für Reparaturen durch Canon berechtigt.
Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, welche Kamera als Nachfolger der EOS R anzusehen ist. Einige sehen die EOS R8 als Nachfolger, während andere argumentieren, dass die R8 eher ein Ersatz für die EOS RP ist und nicht direkt die EOS R ablöst.
Häufig gestellte Fragen zur Canon EOS R
Was bedeutet das 'R' im Namen EOS R?
Das 'R' steht für „Reimagine optical excellence“, Canons Entwicklungsphilosophie für das neue spiegellose System und die erste Kamera.
Welche Objektive kann ich mit der Canon EOS R verwenden?
Die EOS R nutzt das neue RF-Bajonett. Sie kann aber auch ältere Canon EF- und EF-S-Objektive über spezielle Mount Adapter verwenden.
Hat die Canon EOS R eine kamerainterne Bildstabilisierung (IBIS)?
Nein, die Canon EOS R verfügt nicht über eine kamerainterne Bildstabilisierung. Dies war ein häufiger Kritikpunkt bei ihrer Veröffentlichung.
Verfügt die EOS R über zwei Speicherkartenslots?
Nein, die Canon EOS R hat nur einen Speicherkartenslot. Auch dies wurde bei der Einführung kritisiert.
Kann die Canon EOS R 4K-Videos aufnehmen?
Ja, die EOS R kann 4K-Videos aufnehmen. Allerdings war die ursprüngliche Implementierung nicht im Vollformat (mit Crop), was zu Kritik führte.
Was ist die Canon EOS Ra?
Die EOS Ra ist eine spezielle Variante der EOS R für Astrofotografie mit einem modifizierten Filter für erhöhte H-alpha-Lichtempfindlichkeit und höherer digitaler Vergrößerung.
Ist die Multi-function Bar der EOS R nützlich?
Die Multi-function Bar wurde von Kritikern überwiegend als unpraktisch und überflüssig angesehen. Canon hat sie bei nachfolgenden Modellen nicht mehr verwendet.
Fazit
Die Canon EOS R war mehr als nur eine neue Kamera; sie war der Startpunkt für Canons Eintritt in den wachsenden Markt der spiegellosen Vollformatkameras und die Einführung des EOS R Systems mit dem neuen RF-Bajonett. Trotz anfänglicher Kritikpunkte, insbesondere im Vergleich zur Konkurrenz bei bestimmten Funktionen wie IBIS, Dual-Slots oder 4K-Videoimplementierung, legte die EOS R das Fundament für Canons zukünftige Entwicklungen. Sie zeigte die Stärken des neuen RF-Bajonetts und bewies, dass Canon bereit war, seinen Platz im spiegellosen Segment zu behaupten. Ihre Rolle als Pionierin in Canons spiegelloser Vollformat-Ära ist unbestritten, auch wenn sie inzwischen durch neuere Modelle innerhalb des Systems ersetzt wurde.
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