Nach den Umwälzungen des Ersten Weltkriegs und dem Zusammenbruch alter Monarchien erlebte Europa die Entstehung neuer Staatsformen. Überall dort, wo zuvor Kaiser oder Könige herrschten, entstanden an vielen Orten Republiken, die versuchten, auf demokratischen Prinzipien aufzubauen. Diese Übergangsphasen waren oft turbulent und von grossen Herausforderungen geprägt. Die Gründung einer Republik bedeutete nicht nur einen Wechsel der Staatsform, sondern oft auch den Beginn einer Suche nach nationaler Identität und politischer Stabilität in einer unsicheren Zeit.

Die Weimarer Republik (1919-1933)
Die wohl bekannteste unter den frühen Republiken im deutschsprachigen Raum ist die sogenannte Weimarer Republik. Ihre Entstehung ist direkt mit dem Ende des Ersten Weltkriegs verbunden. Nachdem der deutsche Kaiser abdanken musste, wurde der Weg für eine neue, demokratische Staatsform geebnet. Der Name der Republik leitet sich von der Stadt Weimar ab, einem historisch und kulturell bedeutsamen Ort.
In Weimar tagte im Jahr 1919 die Deutsche Nationalversammlung. Diese Versammlung hatte die wichtige Aufgabe, eine neue Verfassung für das Deutsche Reich auszuarbeiten. Das Ergebnis dieser Arbeit war die „Weimarer Reichsverfassung“, die den Grundstein für die erste parlamentarisch-demokratische Republik auf deutschem Boden legte.
Mit der Verabschiedung dieser Verfassung wurde Deutschland zu einem parlamentarisch-demokratischen Bundesstaat. Das Herzstück der Gesetzgebung war der Reichstag in Berlin. Dieses Parlament wurde direkt von allen Bürgerinnen und Bürgern demokratisch gewählt. Ein bedeutender Fortschritt dieser Zeit war die Einführung des Wahlrechts für Frauen im Jahr 1919. Erstmals konnten Frauen aktiv an der politischen Gestaltung ihres Landes teilnehmen und ihre Stimme abgeben.
An der Spitze des Staates stand in der Weimarer Republik der Reichspräsident. Dieses Amt war ebenfalls vom Volk gewählt. Der erste Reichspräsident, der von 1919 bis 1925 amtierte, war Friedrich Ebert. Ihm folgte ab 1925 Paul von Hindenburg im Amt des Reichspräsidenten.
Herausforderungen und Probleme der Weimarer Republik
Trotz ihres demokratischen Aufbruchs hatte die Weimarer Republik von Beginn an mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Nachwirkungen des verlorenen Ersten Weltkriegs belasteten das Land schwer. Es gab riesige wirtschaftliche Probleme. Viele Menschen litten unter Hunger und Mangelernährung. Die Reparationszahlungen und die allgemeine wirtschaftliche Unsicherheit führten zu einer dramatischen Situation.
Ein Höhepunkt der wirtschaftlichen Krise war die Inflation des Jahres 1923. Die Währung verlor rasant an Wert, was dazu führte, dass Millionen von Menschen verarmten. Ersparnisse verloren über Nacht ihren Wert, und das tägliche Leben wurde extrem schwierig. Zwar gab es in den folgenden Jahren eine kurze Phase der wirtschaftlichen Stabilisierung und Besserung, doch diese war nur von kurzer Dauer.
Die Weltwirtschaftskrise, die im Jahr 1929 begann, traf Deutschland mit voller Wucht. Die Situation verschärfte sich dramatisch. Unternehmen mussten schliessen, und die Zahl der Arbeitslosen stieg rapide an. Diese wirtschaftliche Not schuf einen Nährboden für politische Radikalisierung und Unzufriedenheit mit der demokratischen Regierung.
Neben den wirtschaftlichen Schwierigkeiten litt die Weimarer Republik auch unter starken politischen Problemen. Sie hatte von Anfang an viele Gegner in der Bevölkerung. Ein Teil der Bevölkerung trauerte der vergangenen Monarchie nach und wünschte sich die Rückkehr des Kaisers. Gleichzeitig gewannen radikale politische Strömungen immer mehr an Einfluss. Kommunisten und Nationalsozialisten bekämpften sich gegenseitig, trugen ihre Auseinandersetzungen auf den Strassen aus und destabilisierten das politische System weiter.

Diese ständigen politischen Unruhen und die mangelnde Akzeptanz der Republik durch weite Teile der Gesellschaft schwächten die junge Demokratie nachhaltig. Im Jahr 1933 schliesslich kam Adolf Hitler an die Macht. Dies bedeutete das Ende der demokratischen Weimarer Republik und den Beginn der nationalsozialistischen Diktatur, einer der dunkelsten Perioden der deutschen Geschichte.
Die Erste Republik in Österreich
Auch in Österreich führte das Ende des Ersten Weltkriegs und der Zusammenbruch der Habsburgermonarchie zur Ausrufung einer Republik. Die Erste Republik wurde am 12. November 1918 ausgerufen. Zunächst trug der neue Staat den Namen „Deutschösterreich“.
Die politischen Geschicke der neuen Republik wurden, ähnlich wie in der Monarchie, vom Ballhausplatz aus gestaltet. Das Gebäude, das heute als Bundeskanzleramt bekannt ist, beherbergte den Staatskanzler (später Bundeskanzler) und den Staatssekretär für Äußeres (später Außenminister). Ab Dezember 1920 residierte hier auch der Bundespräsident, der erstmals von der Bundesversammlung gewählt wurde.
Im Jahr 1920 gab es eine Verwaltungsreform, in deren Zuge das Außenministerium aufgelöst wurde. Die Zuständigkeiten für die Außenpolitik wurden stattdessen zwei Abteilungen des Kanzleramtes übertragen.
Auch die Erste Republik in Österreich blieb von Gewalt nicht verschont. Ein besonders tragisches Ereignis war der Putschversuch illegaler Nationalsozialisten am 25. Juli 1934. Bei diesem Putschversuch wurde Bundeskanzler Engelbert Dollfuß im Bundeskanzleramt ermordet. Dollfuß versuchte Berichten zufolge zu fliehen, wurde aber von zwei NS-Putschisten im Marmor-Ecksalon getötet.
Die Gründung der Republik Türkei
Ein weiteres bedeutendes Beispiel für die Entstehung einer Republik in dieser Epoche ist die Gründung der modernen Türkei. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches und dem türkischen Befreiungskrieg rief Mustafa Kemal (später Atatürk) am 29. Oktober 1923 die Republik aus. Dieser Schritt erfolgte, nachdem alle ausländischen Militäreinheiten Anatolien verlassen hatten.
Mustafa Kemal wurde der erste Präsident der türkischen Republik und amtierte bis 1938. Unter seiner Führung wurden tiefgreifende Reformen eingeleitet, die das Ziel hatten, die Türkei in einen modernen und säkularen Staat zu verwandeln. Dieser Prozess wird oft als „Kemalistische Revolution“ bezeichnet.
Eine der ersten wichtigen Massnahmen war die Abschaffung des Kalifats im März 1924. Das osmanische Herrscherhaus wurde des Landes verwiesen. Die Leitlinien Atatürks, die ab den 1930er-Jahren als Kemalismus bekannt wurden, zielten darauf ab, den osmanischen Vielvölkerstaat durch einen republikanischen, laizistischen und modernisierten Staat mit einer neu geformten homogenen Gesellschaft zu ersetzen.

Am 20. April 1924 trat eine neue Verfassung in Kraft. Diese Verfassung blieb im Wesentlichen bis 1961 unverändert und beinhaltete die Abschaffung der Scharia. Die Befreiung von islamischen Traditionen war ein zentrales Anliegen der Reformen.
Weitere wichtige Reformen betrafen das tägliche Leben und die Gesellschaftsstruktur. Das Hutgesetz von 1925 untersagte den Fes, der zuvor für Männer vorgeschrieben war, im Sinne eines einheitlichen Staatsbürgers. Im gleichen Jahr wurden die Konvente der Derwischorden aufgelöst und die im Volksislam verbreitete Verehrung von Sultans- und Heiligengräbern verboten. Nur noch Moscheen galten als zulässige religiöse Stätten.
Auch für Frauen gab es neue Vorschriften und Rechte. Es wurde ihnen untersagt, im öffentlichen Raum einen Schleier oder ein Kopftuch zu tragen. Gleichzeitig erhielten sie die rechtliche Gleichstellung mit Männern und im Jahr 1934 das aktive und passive Wahlrecht für die Große Nationalversammlung. Mit der Einführung eines Zivilrechts nach Schweizer Vorbild wurden die Einehe und das Scheidungsrecht eingeführt. Die Reformen umfassten ferner die Koedukation, die auf die Verfassung von 1876 zurückging.
Weitere Modernisierungsschritte waren die Ablösung der islamischen Zeitrechnung und des Rumi-Kalenders durch den Gregorianischen Kalender sowie die Einführung des metrischen Systems. Im Jahr 1928 wurde die alte osmanische Schrift verboten und durch die lateinische ersetzt. Das türkische Handelsrecht orientierte sich am deutschen, das Strafrecht am italienischen.
Atatürk nutzte den staatlichen Machtapparat, um Widerstand gegen seine Reformen zu beseitigen, und etablierte die Einparteienherrschaft der CHP. Der Widerstand der Kurden gegen die Assimilierungspolitik wurde mit Diskriminierung und Unterdrückung beantwortet. Während das Analphabetentum zurückging, setzte sich die Säkularisierung zunächst vor allem in den Städten und bei den Beschäftigten in der öffentlichen Verwaltung durch. Diese bildeten zusammen mit der Militärführung und den säkularen Bildungseliten eine kemalistische Elite.
Vergleich der frühen Republiken
Die Entstehung dieser Republiken zeigt, wie nach dem Ersten Weltkrieg in verschiedenen Regionen Europas und Vorderasiens neue politische Ordnungen etabliert wurden. Auch wenn sie unterschiedliche Wege gingen und mit spezifischen Herausforderungen konfrontiert waren, teilen sie die Abkehr von monarchischen Systemen und den Versuch, eine neue staatliche Identität zu finden.
| Republik | Gründungsdatum | Gründungsort / Regierungssitz | Wichtige Persönlichkeit(en) | Wesentliche Merkmale / Probleme | Ende / Wichtiges Ereignis im Verlauf |
|---|---|---|---|---|---|
| Weimarer Republik (Deutschland) | 1919 | Weimar (Verfassung), Berlin (Reichstag) | Friedrich Ebert (erster Reichspräsident), Paul von Hindenburg | Parlamentarisch-demokratischer Bundesstaat, Frauenwahlrecht (1919), Wirtschaftsprobleme (Inflation 1923, Weltwirtschaftskrise 1929), politische Unruhen, viele Gegner. | 1933 (Machtübernahme Hitlers, Beginn NS-Diktatur) |
| Erste Republik (Österreich) | 12. November 1918 | Ballhausplatz (Bundeskanzleramt) | Staatskanzler, Bundeskanzler, Bundespräsident (ab 1920), Engelbert Dollfuß | Zunächst „Deutschösterreich“, Verwaltungsreform (Außenministerium), politische Gewalt. | 25. Juli 1934 (Ermordung Dollfuß im Putschversuch, Beginn Austrofaschismus - nicht explizit im Text, aber Dollfuß' Tod als Endpunkt der demokratischen Phase oft gesehen) |
| Republik Türkei | 29. Oktober 1923 | Ankara (implizit als Hauptstadt des neuen Staates) | Mustafa Kemal (Atatürk) | Säkularisierung, Modernisierung (Kemalismus), Abschaffung Kalifat, Frauenrechte, neue Verfassung (1924), lateinische Schrift, Einparteienherrschaft. | - (Die Republik besteht fort, aber der Text beschreibt nur die Gründungsphase unter Atatürk bis 1938) |
Häufig gestellte Fragen zur Entstehung der Republiken
Wann genau ist die Weimarer Republik entstanden?
Die Weimarer Republik entstand im Jahr 1919. In diesem Jahr kam die Deutsche Nationalversammlung in Weimar zusammen, um die Verfassung auszuarbeiten, die den Staat als parlamentarisch-demokratischen Bundesstaat etablierte.
Wer war der erste Reichspräsident der Weimarer Republik?
Der erste vom Volk gewählte Reichspräsident der Weimarer Republik war Friedrich Ebert. Er hatte dieses Amt von 1919 bis 1925 inne.

Welche grossen Probleme hatte die Weimarer Republik?
Die Weimarer Republik hatte mit erheblichen Problemen zu kämpfen. Dazu gehörten grosse wirtschaftliche Schwierigkeiten nach dem Ersten Weltkrieg, eine massive Inflation im Jahr 1923, die Weltwirtschaftskrise ab 1929 mit hoher Arbeitslosigkeit sowie starke politische Unruhen und zahlreiche Gegner der Republik, darunter radikale Gruppen wie Kommunisten und Nationalsozialisten.
Wann war die erste Republik in Österreich?
Die Erste Republik in Österreich wurde am 12. November 1918 ausgerufen. Sie trug zunächst den Namen „Deutschösterreich“.
Wer wurde im Bundeskanzleramt in Österreich ermordet?
Im Rahmen eines Putschversuchs illegaler Nationalsozialisten am 25. Juli 1934 wurde Bundeskanzler Engelbert Dollfuß im Bundeskanzleramt ermordet.
Wann wurde die Republik Türkei gegründet?
Die Republik Türkei wurde am 29. Oktober 1923 ausgerufen.
Wer war der erste Präsident der Republik Türkei?
Der erste Präsident der Republik Türkei war Mustafa Kemal, später bekannt als Atatürk.
Welche wichtigen Reformen gab es in der frühen Republik Türkei unter Atatürk?
Unter Atatürk gab es zahlreiche Reformen, darunter die Abschaffung des Kalifats, die Einführung einer neuen Verfassung (1924), die Abschaffung der Scharia, die Einführung des Hutgesetzes, die Auflösung von Derwischorden, die Gewährung der rechtlichen Gleichstellung und des Wahlrechts für Frauen, die Einführung der Einehe und des Scheidungsrechts nach Schweizer Vorbild, die Einführung des Gregorianischen Kalenders und des metrischen Systems sowie die Ersetzung der osmanischen durch die lateinische Schrift.
Wann wurde der Islam als Staatsreligion in der Türkei abgeschafft?
Der Islam wurde 1928 als Staatsreligion aus der türkischen Verfassung gestrichen.
Die Geschichte dieser ersten Republiken zeigt die komplexen und oft schwierigen Prozesse des politischen Wandels im frühen 20. Jahrhundert. Sie waren Experimente mit neuen Staatsformen, die jeweils auf ihre Weise versuchten, Stabilität, Modernisierung und eine neue nationale Ordnung zu etablieren, konfrontiert mit internen und externen Widerständen sowie grossen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen.
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