Mit über einer Viertelmillion Landsleuten stellen Portugiesinnen und Portugiesen heute die drittgrösste Ausländergruppe in der Schweiz. Sie sind präsenter, als es in der öffentlichen Wahrnehmung oft scheint. Während über andere Migrationsgruppen viel diskutiert wird, bleiben die Portugiesen eher im Hintergrund, bekannt als fleissig und diskret. Doch wer sind diese Menschen, die hier eine neue Heimat gefunden haben, und was hat sie in die Schweiz geführt? Selbst das Bundesamt für Migration gab zu, dass über die portugiesische Diaspora «wenig bekannt» sei, was zu einer Studie führte, deren Ergebnisse Aufschluss geben.

Die Einwanderung aus Portugal in die Schweiz ist ein vergleichsweise junges Phänomen. Die ersten Immigranten trafen um 1960 ein, viele zog es zunächst nach Genf. In dieser frühen Phase handelte es sich oft um Intellektuelle und Oppositionelle, die vor der Diktatur in Portugal flohen. Die Gemeinschaft wuchs zunächst langsam. Im Jahr 1980 lebten erst rund 10.000 Portugiesinnen und Portugiesen in der Schweiz.
Doch in den folgenden Jahrzehnten änderte sich das Bild dramatisch. Bis zum Jahr 2010 vervanzigfachte sich die Zahl auf bemerkenswerte 200.000. Dieser starke Anstieg war das Ergebnis einer besonderen Konstellation von Faktoren in beiden Ländern. Seit 2017 ist die Community leicht geschrumpft. Dies liegt vor allem daran, dass die erste Generation nun das Pensionsalter erreicht hat und ein Teil davon in die Heimat zurückkehrt.
Warum die Schweiz? Die Sogwirkung
Die Gründe für die massive Zuwanderung ab den 1980er Jahren liegen sowohl in der Situation Portugals als auch in den Bedürfnissen der Schweiz. Portugal befand sich nach 40 Jahren Diktatur und den Nachwirkungen des Kolonialkrieges in einer schwierigen Phase. Hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne und ein geringer Lebensstandard trieben viele Menschen ins Ausland auf der Suche nach besseren Perspektiven.
Gleichzeitig boomte die Schweizer Wirtschaft. Es gab einen grossen Bedarf an Arbeitskräften, insbesondere in arbeitsintensiven Sektoren, die von Einheimischen schwer zu besetzen waren. Die Schweizer Regierung reagierte darauf mit Anreizen, um ausländische Arbeitskräfte anzuziehen. Dieses „Aufeinandertreffen der Bedürfnisse“ führte dazu, dass zwischen 1989 und 1994 über 100.000 Portugiesen in die Schweiz zogen.
Für viele Portugiesen blieb und bleibt die Schweiz das wichtigste Zielland. Dies zeigt sich auch in den Geldüberweisungen. Im Jahr 2023 schickten hier lebende Portugiesinnen und Portugiesen 1,08 Milliarden Euro in ihre Heimat – so viel wie noch nie. Nur Frankreich und Spanien verzeichnen ähnlich hohe Zuwanderungsraten aus Portugal. Der Wunsch auszuwandern ist in Portugal nach wie vor stark ausgeprägt: Laut neuesten Zahlen planen immer noch dreissig Prozent der 15- bis 39-Jährigen eine Auswanderung. Portugal hat heute die höchste Auswanderungsrate in Europa und eine der höchsten weltweit. Insgesamt leben rund 2,3 Millionen Portugiesinnen und Portugiesen im Ausland, 70 Prozent davon sind unter 39 Jahre alt.

Arbeitsmarkt und Bildung: Herausforderungen und Wandel
Die portugiesische Gemeinschaft in der Schweiz ist im Durchschnitt jünger als die Gesamtbevölkerung, was zu einem höheren Anteil an Erwerbstätigen führt. Allerdings ist auch die Arbeitslosenquote höher. Dies hängt oft mit Sprachbarrieren und dem Bildungsgrad zusammen. Eine Studie aus dem Jahr 2009 stellte fest, dass portugiesische Eltern im Vergleich zu anderen Migrationsgruppen einen «sehr niedrigen Bildungsstand» hatten. Als Hauptgrund wurde die Salazar-Diktatur genannt, die den obligatorischen Schulunterricht erst 1960 einführte und die Schulpflicht bereits für Zwölfjährige enden liess. Erst die Nelkenrevolution von 1974 modernisierte das Bildungswesen. Die Folgen dieser Bildungslücken wirkten sich über Generationen aus.
Dies spiegelte sich lange Zeit im eingeschränkten Stellenangebot wider. Portugiesische Männer fanden und finden hauptsächlich Arbeit auf dem Bau (fast jeder vierte!), in der Industrie und in der Landwirtschaft. Frauen arbeiten vor allem im Hotel- und Gastgewerbe, in der Reinigung oder im Verkauf. Innerhalb dieser Branchen besetzten und besetzen Portugiesinnen und Portugiesen häufig unqualifizierte Stellen oder Hilfsarbeitspositionen. Dies führt dazu, dass ihr Durchschnittseinkommen deutlich unter dem von Schweizerinnen und Schweizern sowie anderen EU-Einwanderern liegt.
Die neueste Einwanderungsgeneration bringt jedoch oft deutlich höhere Bildungsabschlüsse mit. Diese Entwicklung wird auch von Gewerkschaften wie der Unia beobachtet. Portugiesische Mitglieder stellen dort nach den Schweizern die grösste Nationengruppe dar. Bei den organisierten Bauarbeitern sind sie mit 33 Prozent sogar die grösste Gruppe. Doch auch hier gibt es einen Wandel: Jüngere Portugiesen orientieren sich vermehrt in andere Branchen, während auf dem Bau zunehmend Arbeitskräfte aus Ost- und Südosteuropa nachkommen.
Leben in der Schweiz: Gemeinschaft und Verbundenheit
Die portugiesische Gemeinschaft in der Schweiz ist bekannt dafür, eher ruhig, fleissig und diskret zu sein. Abseits des Fussballs leben sie unauffällig in der Schweiz. Eine interessante Beobachtung ist die überdurchschnittlich hohe portugiesische Bevölkerung im Engadin, einem Tal in den Bündner Alpen. Im Jahr 2014 war dort jeder siebte Einwohner Portugiese. Einige haben sogar das Rätoromanische gemeistert und tragen dazu bei, diese gefährdete Sprache am Leben zu erhalten.
Trotz der Integration in die Schweizer Gesellschaft ist die Verbundenheit mit dem Heimatland Portugal ausserordentlich stark. Viele Portugiesen in der Schweiz sind sehr patriotisch. Dies zeigt sich in verschiedenen Aspekten des Gemeinschaftslebens. Viele Jugendliche tanzen in Folklore-Gruppen, und in vielen Haushalten läuft täglich portugiesisches Fernsehen. Letzteres wird von einigen kritisch gesehen, da die Berichterstattung oft auf negative Nachrichten aus Portugal fokussiert ist, was die Wahrnehmung der Heimat beeinflussen kann.

Die portugiesische Sprache spielt eine wichtige Rolle. Nach den Landessprachen und Englisch ist Portugiesisch eine der meistgesprochenen Sprachen in der Schweiz. Sie gehört zur romanischen Sprachfamilie und hat Einflüsse unter anderem von den Mauren. Es gibt zwei Hauptvarianten: Europäisches Portugiesisch und Brasilianisches Portugiesisch, die sich hauptsächlich in Aussprache und Rhythmus unterscheiden, obwohl Grammatik und Vokabular sehr ähnlich sind.
Typische Berufsfelder: Ein Vergleich
| Berufsfeld | Männer | Frauen |
|---|---|---|
| Bau | Häufig (fast jeder Vierte) | Selten |
| Industrie | Häufig | Selten |
| Landwirtschaft | Häufig | Selten |
| Hotel & Gastgewerbe | Selten | Häufig |
| Reinigung | Selten | Häufig |
| Verkauf | Selten | Häufig |
Diese Tabelle zeigt die geschlechtsspezifische Verteilung in den traditionellen Sektoren, in denen viele portugiesische Migranten Arbeit fanden, oft in unqualifizierten oder Hilfsarbeiterpositionen.
Fragen und Antworten zur portugiesischen Migration
Wann begann die portugiesische Einwanderung in die Schweiz?
Die Einwanderung begann relativ spät, um das Jahr 1960. Eine grössere Zahl kam jedoch erst ab den 1980er Jahren.
Warum gab es ab den 1980er Jahren einen so starken Zuzug?
In Portugal herrschten nach der Diktatur hohe Arbeitslosigkeit und niedrige Löhne. Die Schweiz hatte gleichzeitig einen grossen Bedarf an Arbeitskräften in bestimmten Sektoren und bot Anreize für ausländische Arbeiter.
Welche Berufe üben Portugiesen in der Schweiz aus?
Traditionell arbeiten Männer oft auf dem Bau, in der Industrie und Landwirtschaft. Frauen finden häufig Arbeit im Hotel- und Gastgewerbe, in der Reinigung und im Verkauf. Neuere Generationen sind besser ausgebildet und orientieren sich auch in andere Bereiche.

Warum ist der Bildungsstand der älteren Generation oft niedriger?
Dies wird auf die Salazar-Diktatur zurückgeführt, die lange Zeit kein modernes, umfassendes Bildungssystem hatte; die Schulpflicht endete beispielsweise schon mit 12 Jahren.
Schicken Portugiesen aus der Schweiz Geld in die Heimat?
Ja, in grossem Umfang. 2023 wurden 1,08 Milliarden Euro von Portugiesen in der Schweiz nach Portugal überwiesen, so viel wie noch nie.
Wie stark fühlen sich Portugiesen in der Schweiz mit ihrer Heimat verbunden?
Die Verbundenheit ist sehr stark. Viele sind patriotisch, pflegen Folklore, schauen portugiesisches Fernsehen und unterstützen ihre Familien in Portugal.
Ist Portugiesisch eine wichtige Sprache in der Schweiz?
Ja, nach den Landessprachen und Englisch ist Portugiesisch eine der meistgesprochenen Sprachen in der Schweiz.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die portugiesische Gemeinschaft in der Schweiz eine faszinierende Geschichte hat, geprägt von wirtschaftlicher Not in der Heimat und Arbeitsmöglichkeiten in der Schweiz. Sie haben sich als fleissige und oft unauffällige Arbeitskräfte etabliert, die trotz Integration eine starke Bindung an ihre portugiesische Identität und ihr Heimatland aufrechterhalten. Ihre Präsenz ist ein wichtiger, wenn auch manchmal übersehener, Teil der Schweizer Gesellschaft.
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